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Das Yiwu-Modell: „China-Chance“ statt „China-Schock“

Das Yiwu-Modell: „China-Chance“ statt „China-Schock“

Source: People’s Republic of China – State Council News in German

Vor 20 Jahren beschrieb Xi Jinping, damals noch in seiner Rolle als Parteisekretär der Provinz Zhejiang, das Entwicklungswunder von Yiwu mit den Worten „unerklärlich, aus dem Nichts kommend und Steine in Gold verwandelnd“. Steine in Gold verwandeln, das steht im Chinesischen unter anderem für höchstes Business-Geschick. Die Kunst, kleine Geschäfte in großen Gewinn zu verwandeln. Yiwu ist von einer kleinen, zu Beginn der Reform und Öffnung noch völlig unbekannten Kreisstadt zur weltberühmten Kleinwarenhandelsmetropole aufgestiegen. Längst stützt sich die Stadt dabei nicht mehr nur auf die reine Erfolgsgeschichte des chinesischen Marktes. Sie gilt heute vielmehr als wichtiges Fenster, um Chinas Modernisierungsweg zu beobachten, die Logik der chinesischen Entwicklung zu verstehen und Zukunftstrends der Globalisierung zu erkennen. 

Die Entwicklung Yiwus gilt seit 20 Jahren als Erfahrungswert von globaler Bedeutung. Denn der rasante Aufstieg des Städtchens hat der Welt einen Entwicklungsweg aufgezeigt, der sich von den traditionellen Industrialisierungs- und Modernisierungspfaden des Westens unterscheidet. Das Yiwu-Modell setzt auf marktwirtschaftliche Prinzipien, lässt der Regierung aber zugleich eine dienende Rolle zukommen. Es öffnet sich dem globalen Handel, bleibt aber in der heimischen Produktion verwurzelt. Die Stadt fördert Eigeninitiative, betont aber zugleich die Idee gemeinsamer Entwicklung. Dieses Zusammenspiel von effizientem Markt und handlungsfähiger Regierung ist gleichsam Sinnbild und Lehrstück der chinesischen Modernisierung. 

Hingucker: Diese neuen Drohnenmodelle im Global Digital Trade Centre ziehen zahlreiche Kaufinteressenten an. 

Effizienter Markt plus handlungsfähige Regierung 

Yiwus Aufstieg ist in seiner kaufmännischen Tradition des „Hühnerfedern-gegen-Braunzucker-Tauschens“ verwurzelt, wie man in China sagt. In der Region ist der Ausspruch ein geflügeltes Wort. Er steht für eine „Millimeter-für-Millimeter-Mentalität“ – die Kunst, selbst aus kleinsten Geschäften Gewinn zu schlagen –, für den Mut, dabei Risiken einzugehen, und die Bereitschaft, auch schwierige Wege auf sich zu nehmen. Auf kargem Boden mit wenig Ackerland und vielen Menschen gelang es Yiwu im Zuge der Reform und Öffnung einst als eine der ersten Städte, die überlieferte Handelskultur der einfachen Bevölkerung in einen lebendigen, modernen Markt zu verwandeln. So schaffte die Stadt den Sprung vom einfachen Straßenmarkt zum weltweit größten Umschlagsplatz für Kleinstwaren. 

Heute tummeln sich in Yiwu über 2,1 Millionen Produkte, das hier verankerte Handelsnetz umspannt mehr als 230 Länder und Regionen. Noch bemerkenswerter als diese schiere Größe ist die zugrundeliegende Funktionslogik des heute weltberühmten Großmarktes: Die Regierung agiert zum einen als Dienstleister und Infrastrukturanbieter. Sie baut Straßen und Häfen, verbessert die Logistiksysteme, optimiert das Geschäftsumfeld und erneuert die Regulierungsmodelle, um so dem Markt den Weg zu ebnen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Zum anderen respektiert sie vollumfänglich die Dynamik der Privatwirtschaft, ermöglicht es unzähligen Kleinhändlern, mit niedrigen Markteintrittsbarrieren, geringen Betriebskosten und hoher Effizienz Geschäfte zu machen. 

Dieses Modell – das Volk schafft den Markt, die Regierung dient diesem Markt und der Markt verbindet die Welt – unterscheidet sich sowohl von staatsdominierten als auch von kapitalgetriebenen, monopolistischen Marktsystemen. Treibende Kraft des Yiwu-Modells sind Zehntausende von Kleinhändlern, die zu extrem niedrigen Kosten in den Markt eintreten, mit höchster Effizienz handeln und so reale Gewinne erwirtschaften. Die Kernkompetenz des Yiwu-Modells besteht darin, durch institutionelle Innovation Chancen für die breite Bevölkerung zu schaffen, ungezügelte Kapitalexpansion und Marktmonopole zu verhindern und die Früchte der Entwicklung möglichst breit zu teilen. 

Hanfu tragen und Drachenbootfest-Traditionen erleben: Am 18. Juni erleben ausländische Studierende des Yiwu Industrial & Commercial College die Zubereitung von Zongzi, den in Bambus- oder Schilfrohrblättern eingewickelten Klebreisklößchen zum Drachenbootfest. 

Der praktische Wert einer „menschenzentrierten Globalisierung“ 

Westliche Narrative reduzieren Chinas Entwicklungserfolge seit langem gerne auf „billige Arbeitskräfte“ oder „staatliche Subventionen“. Das Beispiel Yiwu zeigt jedoch, dass die wahre Wettbewerbsstärke der chinesischen Wirtschaft in ihrer Fähigkeit zur Marktorganisation, industriellen Koordination und effizienten Lieferkettensteuerung liegt. 

Vielen Europäern und Afrikanern ist Yiwu längst kein Fremdwort mehr. Ob in kleinen Läden in ganz Afrika, Großhandelsmärkten in Südfrankreich, Hafenlagern in Nordafrika oder Handelszentren in Mittel- und Osteuropa – überall tummeln sich heute Waren aus Yiwu. Die ostchinesische Stadt im Herzen der Provinz Zhejiang verbindet nicht nur den Warenhandel, sondern, wichtiger noch, die Existenzgrundlagen und Träume von Entwicklungsländern weltweit, von Millionen mittelständischer Unternehmen, ja letztlich von Milliarden einfacher Familien. 

Für Afrika ist Yiwu eine Vorlage für inklusive Entwicklung mit Nachahmungswert. Der Kontinent verfügt über die jüngste Bevölkerung der Welt und einen riesigen Konsummarkt, kämpft jedoch mit einer schwachen Industrie und lückenhaften Lieferketten. Der Weg Yiwus zeigt, dass selbst ohne natürliche Ressourcen eine offene, effiziente Marktökologie mit niedrigen Transaktionskosten und privaten Initiativen globale Wettbewerbsfähigkeit hervorbringen kann. In Yiwu haben unzählige Heimwerkstätten und Kleinstunternehmen über den örtlichen Großmarkt Zugang zum internationalen Handel – es ist ein Gefüge entstanden, in dem heute Tausende von Haushalten am Außenhandel beteiligt sind. Dieses auf kleinen und mittleren Unternehmen basierende Entwicklungsmodell ist für afrikanische Länder von großem Vorbildcharakter. 

Für Europa auf der anderen Seite ist Yiwu ein Fenster zur wirtschaftlichen Resilienz. Trotz zunehmender Rufe nach „De-Risking“ und „Entkopplung“ bleibt der Handel mit Yiwu robust. Der Grund: Yiwu bedient weltweit die wahrsten, grundlegendsten und umfassendsten Bedürfnisse der Menschen. Es repräsentiert eine „menschenzentrierte Globalisierung“, die sich an einfache Familien, kleine Händler und Gründer richtet. Ganz gleich, wie sich die internationale Lage auch verändern mag – diese im Alltag von Milliarden Menschen verwurzelte globalisierte Verbundenheit besitzt größte Lebenskraft. 

Länderübergreifende Geschäfte: Dieser ausländische Geschäftsmann checkt mit einer chinesischen Händlerin im Yiwu International Trade Market noch einmal alle Produktdaten seiner Ballbestellliste gegen.

Chinesische Expertise für globale Lösungen 

Die Globalisierung ist längst nicht zu Ende, sie wird vielmehr neugestaltet. Yiwu hat sich in den letzten Jahren zunehmend vom traditionellen Warenhandel hin zu digitalem Handel, grenzüberschreitendem E-Commerce und Auslandslagern orientiert. Das Motto „global kaufen und verkaufen“ ist dem Slogan „global vernetzen, verbinden und Nutzen bringen“ gewichen. Das Yiwu-Modell entwickelt sich also ständig weiter, erfindet sich neu, und verleiht der Globalisierung ausgerechnet so neue Stabilität. 

Noch wichtiger: Yiwu ist offen und inklusiv. Heute haben sich über 15.000 ausländische Händler hier niedergelassen. Menschen aus mehr als 100 Ländern und Regionen leben hier friedlich Seite an Seite, verfolgen ihre unternehmerischen Projekte. Yiwu ist nicht nur ein Handelsknotenpunkt, sondern auch ein kulturelles Zentrum – ein Mikrokosmos der Globalisierung, der von Vielfalt und einem symbiotischen Miteinander geprägt ist. In einer Zeit wachsenden Protektionismus ist Yiwus Botschaft von Offenheit, Zusammenarbeit und gegenseitigem Vorteil ein wichtiges Signal an die Welt. 

Am 20. Mai 2026 fiel der Startschuss für den 7. „International Maker“-Wettbewerb für Unternehmertum und Innovation der Provinz Zhejiang sowie für das 10. Internationale Kulturfest des Yiwu Industrial & Commercial College. Im Danxi-Kultursaal der Berufsfachschule feierten die anwesenden Gäste die Einweihung einer neuen Basis der Allianz für Innovation und Unternehmertum ausländischer Studierender an Zhejianger Hochschulen. 

Als bedeutender Knotenpunkt der Süd-Süd-Zusammenarbeit bietet Yiwu den Entwicklungsländern nicht nur hochwertige und erschwingliche Waren, sondern dient ihnen auch als ein wichtiges Fenster, um Chinas Erfahrungen mit Marktwirtschaft und Industrialisierung kennenzulernen. Vom „Hühnerfedern-Handel“ über den Eintritt auf den Weltmarkt bis hin zum globalen Knotenpunkt – Yiwus Entwicklung belegt eindrucksvoll, dass es längst nicht nur ein einziges Modell für die Modernisierung gibt. Jedes Land kann – ausgehend von seinen eigenen Gegebenheiten – einen eigenen Entwicklungsweg beschreiten und durch Offenheit und Kooperation Wohlstand erlangen. 

Chinas Ministerpräsident Li Qiang erklärte beim Sommer-Davos 2026, dass sich das Weltbild vom „China-Schock“ zur „China-Chance“ wandele. Yiwus 20-jährige Praxis liefert genau die mikroskopische Untermauerung für diese These: Wenn Yiwus Händler mit KI-gestütztem mehrsprachigem Kundenservice globale Käufer bedienen, wenn junge Afrikaner nach ihrem Studium in Yiwu zur Unternehmensgründung in ihre Heimat zurückkehren, und wenn die Güterzüge auf der Strecke Yiwu-Xinjiang-Europa zu einer stabilen Verbindung in der asiatisch-europäischen Lieferkette werden – dann wird Yiwu zum Sinnbild von „China als Chance“, nicht als Symbol eines vermeintlichen „China-Schocks“. Das ist letztlich die zentrale Botschaft, die die Yiwu-Erfahrung der Welt mit auf den Weg gibt. Yiwu zeigt, welch große Möglichkeiten Chinas Modernisierung für die globale Entwicklung bereithält. 

*Wang Wen ist Dekan des Chongyang Institute for Financial Studies der Renmin University of China sowie Dekan der School of Global Leadership. Liu Ying arbeitet als Forscherin am selben Institut. 

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