Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Von Ole Döring
Die Bekämpfung der Armut zählt zu den größten gesellschaftlichen Erfolgen Chinas der vergangenen Jahrzehnte. Während viele Medien in Deutschland weiterhin an alten Deutungsmustern festhalten, zeichnen persönliche Erfahrungen, Reisen und neue Stimmen ein differenzierteres Bild der chinesischen Entwicklung.
Die deutsche Öffentlichkeit hat sich an ein bestimmtes Chinabild gewöhnt. Dieses Bild ist zwiespältig: Einerseits werden Chinas Fleiß, alte Kultur und neue Wirtschaftskraft gelobt, andererseits betonen meinungsstarke Figuren, dass die darin wirksame Politik unmenschlich sei, ja, dass China als System mit dem deutschen unvereinbar sei. Diese Darstellung ist offensichtlich falsch. Das wird immer deutlicher, wenn man es an den Eindrücken der Wirklichkeit misst, die aus vielfältigen Quellen nach Europa strömen. Dabei geht es nicht um oberflächliche Einblicke, die man so oder so deuten kann. Es geht um genaues Hinsehen und die Bereitschaft, Tatsachen und Meinungen angemessen einzuordnen.
Die Wochenzeitung „Der Freitag“ berichtet am Beispiel der „einst rückständigen Südprovinz Guangxi“ über enorme Fortschritte. Nach 1979 „sank die Armutsquote von vormals 98 auf drei Prozent. 800 Millionen Menschen konnten absoluter Armut entrinnen. Auch wenn sich westliche Wissenschaftler über die Bemessungsgrundlage streiten, weil China im Einkommensindex zum Westen aufgeschlossen hat, der Augenschein spricht für sich.“
Die Autorin hatte selbst gerade China bereist und gesehen, wovon sie berichtet. Sie beschreibt, mit einer Mischung aus Anteilnahme, Interesse und Kritik, um ihre Eindrücke dann in ein Gesamtbild einzuordnen. Im Titel des Beitrags, „Wie China mit Hightech-Klos und Teeanbau gegen die ländliche Armut kämpft – mit Erfolg“ gelingt ihr das Kunststück, die deutschen Leser in ihrer Verwirrung, wie „Hightech-Klos und Teeanbau“ zusammenpassen mögen, geistig abzuholen. Sie differenziert, worüber sie redet – nämlich ländliche Armut – und bietet eine interpretative Orientierung an: „mit Erfolg“. Das macht nicht nur neugierig, es drückt auch den realen Spannungsbogen aus, dem viele Schreibtischkollegen nicht mehr gerecht werden. Dennoch bleibt die Verunsicherung groß.
Am 3. November 2024, einem Sonntag, hielt ich einen Vortrag in Shibadong, einem Dorf im Autonomen Bezirk Xiangxi der Tujia und Miao in der südchinesischen Provinz Hunan. Für Europäer dürfte Shibadong einer der unbekanntesten Orte Chinas sein. Mir war das Dorf ein Begriff, weil ich geholfen hatte, einen chinesischen Reiseführer über die „18 Höhlen“ (das bedeutet Shibadong 十八洞) für Touristen zu übersetzen.
Genau elf Jahre zuvor hatte Chinas Staatspräsident Xi Jinping den hoffnungslos armen Ort besucht und ihn zum Ausgangspunkt seiner Kampagne zur präzisen Armutsüberwindung für ganz China gemacht. Das Ergebnis ist bekannt und anerkannt: Shibadong wurde seit 2017 aus der Armut befreit. Das staatliche Modellprogramm kombinierte Subventionen und lokale Basisinitiativen, setzte auf Hilfe zur Selbsthilfe und Infrastrukturausbau. So konnten sich traditionelle Textil- und Handwerksbetriebe, Landwirtschaft und Handel mithilfe von Mikrokrediten, landwirtschaftlichen Genossenschaften und Marketingunterstützung eigenständig entwickeln. Bis 2021 hatte sich das jährliche Pro-Kopf-Einkommen im Vergleich zu 2013 mehr als verzehnfacht. Shibadong wurde landesweit zum Vorbild für die Entwicklung ländlicher Wirtschaftszweige. 2020 beseitigte China offiziell die extreme Armut und trug damit maßgeblich zur Entlastung der Welt von sozialen Problemen bei. Diese Leistung ist zugleich ein Beitrag zur Stabilität in der Welt.
Traditionell begegnet die Mehrheit deutscher Leser China mit Sympathie. Die veröffentlichte Meinung geht damit unterschiedlich um. Bis vor 15 Jahren wurde eine Vielfalt von Ansichten und Einsichten oberflächlich abgebildet, ohne dass man damit Chinas Entwicklung gerecht werden und nachhaltiges Wissen vermitteln konnte. Mit der Fähigkeit, China sowohl aus dem Analphabetismus, als auch aus der absoluten Armut zu führen, hatte kaum jemand gerechnet. Chinas „eigener Weg“ galt als Folklore, um der „Werkbank der Welt“ ihre Andersartigkeit zu lassen, auf die man zudem herabschauen konnte.
Die wenigen, die Chinas Gewicht realistisch einschätzen konnten, sahen darin vor allem eine Gefährdung der weltweiten Macht- und Wohlstandsverhältnisse. Unter dem ehemaligen US-Präsidenten Obama begann eine weltweite Kampagne der politischen Diskreditierung Chinas, die sich des Unwissens bedienen konnte. Dann folgte ein Jahrzehnt der Entkoppelung: Es ging vor allem darum, China zu skandalisieren und Chinas politische Entwicklung zu diskreditieren. Mittlerweile zeichnet sich ein anderer Trend ab: Sachliche und sogar positive Beiträge nehmen zu, jedoch weniger in den sogenannten etablierten oder Leit-Medien. Diese warten ab, wie sich der Wind dreht.
Ebenso wie der „Freitag“ gilt die Tageszeitung „taz“ als politisch „links“. Sie bedient sich jedoch anderer Quellen. Man recherchiert nicht unbedingt selbst. Lieber wird der Beitrag eines „Dissidenten und Aktivisten“ aus Hongkong ins Deutsche übersetzt. Unter der vielsagenden Überschrift, „China watch. Was passiert hinter der Orwellschen Großen Mauer?“: „Für die Dorfbewohner in den Daliang-Bergen, die kaum irgendwelche Haushaltsgeräte besitzen sowie für Zhao, der sein Blut verkaufen musste, um für seinen Vater ein Smartphone zu kaufen, ist eine solche Förderpolitik kaum besser als nichts.“ Diese Sprache vermittelt die Mischung aus Anspruchsdenken, Gruselbedürfnis und Besserwisserei, wie sie in Milieus des Salonsozialismus gepflegt wird. In der Bewertung werden Wanderarbeiter, Studenten, Rentner, Arbeitslose und weitere Gruppen in prekären Verhältnissen für die These einer „systembedingte Armut“ in Anspruch genommen.
Anders ist der Umgang in Medien wie FAZ oder SZ. Dort gibt es Anzeichen für eine Bereitschaft zu differenzieren, ohne sich vom großen Narrativ des Fehlerfindenmüssens und Überlegenheitsdenkens zu lösen. Die Struktur solcher Beiträge ist typischerweise so angelegt: Ja, es gibt etwas Gutes, aber das muss man auch schlecht finden, weil…: „[Ja:] Der Aufstieg hat das Land real verändert, Millionen Menschen aus der Armut geführt, China zur Weltmacht gemacht. Diese Bilanz bleibt. (…) [Aber:] Chinas Gen Z fühlt sich abgehängt.“ Oder, wie die österreichische „Presse“ schon 2017 schreibt: „Tatsächlich wurden noch nie zuvor so viele Menschen aus der Armut geholt, wie in den vergangenen Jahren in China. Doch die Schattenseiten des Booms lassen sich nicht wegleugnen. Nicht alles ist eitel Wonne – China ist ein Land der krassen Gegensätze.“
Es ist Aufgabe deutscher Medien, sachlich zu berichten und kritisch einzuordnen. Dinge, die offensichtlich nichts miteinander zu tun haben, wie Armutsbekämpfung auf dem Land und Modernisierungsfolgen in der Stadt, oder wer suggeriert, Chinas Regierung wäre nicht ihrerseits um schonungslose Bestandsaufnahme des laufenden Reformbedarfs bemüht, bringt aber nur in einem Atemzug zusammen, wer die positive Botschaft emotional entwerten will, ohne Argumente zu haben. Ohne Erklärung der diesbezüglichen Maßnahmen der Regierung und Gesellschaft klingen „krasse Gegensätze“ nach Ungerechtigkeit und politischer Verantwortungslosigkeit.
Ähnlich werden Drohkulissen aufgebaut, die innereuropäische Erfahrungen und vorgestrige Klassenkampfrhetorik mobilisieren, um Fortschritte ins Absurde zu überdrehen: Wenn Chinas Gesellschaft gemeinschaftlich Wohlstand erreichen und Ungleichheiten beseitigen soll, „geht es in der sozialistischen Volksrepublik nun den Reichen an den Kragen?“, so raunt die FAZ. Die sozialverträgliche Balance von Wohlstand und Gerechtigkeit ist jedoch in der Tat ein Dauerthema der chinesischen Regierung.
In Deutschland mahnt der regierungsnahe Verein „Welthungerhilfe“, unter Hinweis auf Daten amerikanischer Zeitungen und statistischer Standards der Weltbank, es sei „höchst unsicher, ob die Anti-Armutskampagne nachhaltig war, ob die Menschen, die während der Kampagne mit staatlicher Unterstützung der Armut entronnen sind, auch jenseits der Armutsgrenze bleiben werden“. Der Verein findet es „eher wahrscheinlich, dass die Bekämpfung der absoluten Armut in diesen Regionen für die Regierung zu einer Daueraufgabe werden wird“. Übernommen hat man für diese negative Prognose einen Bericht des konservativen US-Thinktanks Brookings Institution, der offenbar die gescheiterte „Entwicklungspolitik“ westlicher Länder für alternativlos hält. Darin werden statistische Angaben zu Durchschnittswerten Gesamtchinas undifferenziert auch auf die Lebensstandards in den ehemaligen Armutsregionen angewandt – als hätte deren jeweiliges Realwachstum keinerlei Bedeutung. Vor allem: Man behauptet einfach, China reklamiere ein vollständiges „Ende der Armut“. Das ist tendenziöser Unsinn.
Die unideologische Aufklärung wächst dagegen von den Rändern her in die Mitte der Gesellschaft hinein. Dort findet sie unterhalb der Eliten, die sich im einseitigen Chinabild des letzten Jahrzehnts eingerichtet haben, Sympathie und eine zunehmende Bereitschaft selbst zu sehen, zu denken und zu urteilen. Nicht von ungefähr sind es nicht die Journalisten von FAZ & Co., sondern erfahrene Facharbeiter, Manager oder Wissenschaftler, die zur Feder greifen oder in die Tastatur tippen, um die Beschreibung dessen in die Hand zu nehmen, was sie nicht einer bloßen Einbildungskraft oder Ideologie überlassen wollen. Oft sind sie selbst mit chinesischen Partnern verheiratet. Sie verbinden gelebte Verantwortung und den Blick für stimmige Details mit der Frage, wie das große Ganze des „Unternehmens“ China funktioniert.
Entsprechend werden Gelegenheiten zur Begegnung wahrgenommen, besonders durch Bildungs- und Erlebnisreisen mit dem Anspruch, realistische Einblicke und Erfahrungen zu bieten und diese zeitnah in die „neuen Medien“ einzuspeisen. Beispielhaft der Ingenieur, Manager in Shanghai und Urgründer der „Grünen“ Partei, Jürgen Kurz, der sich seit Beginn des Ruhestandes mit ganzer Kraft in die Aufklärungsarbeit über China als idealen „grünen“ Partner Deutschlands gestürzt hat. Durch jahrzehntelange Arbeits- und Lebenserfahrung in China hat er sämtliche Provinzen des Landes intensiv bereist, innere Einblicke gewonnen und Kontakte zu Verwaltungen, Unternehmen und Familien geknüpft, die er nun einsetzt. Auch ein „rotes“ Kernthema steht auf seiner Agenda ganz oben: die Armutsbekämpfung. Er publiziert auf LinkedIn und auf seiner eigenen Website.
Ein weiteres Beispiel für den tiefen, langsamen, aber stetigen Wandel zu einer Normalisierung der Haltung gegenüber China gibt Uwe Behrens, promovierter Logistiker, der ebenfalls drei Jahrzehnte in China gelebt und gearbeitet hat. Er hat nicht nur Chinas jüngere Entwicklung im Wortsinne erfahren, nämlich das Land mit dem Auto bereist, sondern sich auch besonders für das Thema „Armut“ interessiert – und dazu ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht.
In einer Besprechung dazu heißt es: Nach 1978 gilt Deng Xiaopings Leitsatz „Sozialismus bedeutet, die Armut zu beseitigen. Armut ist kein Sozialismus und schon gar kein Kommunismus.“ Präsident Xi Jinping zitierte zudem 2015 zum Thema Armutsüberwindung die alte chinesische Volksweisheit: „Es ist besser, jemanden das Fischen zu lehren, als ihm einen Fisch zu geben. “
Das sei ein Leitgedanke für die Armutsbekämpfung. Zur öffentlichen Haltung in Deutschland heißt es da: „Hätte Beijing behauptet, alle Uiguren – und davon gibt es etwa zehn Millionen auf chinesischem Staatsgebiet – müssten ab sofort Turban tragen, hätten sich vermutlich Heerscharen von Journalisten aufgemacht, dies vor Ort zu überprüfen. Die Tatsache aber, dass so viele Chinesen, wie Menschen in den USA und in der EU leben, nicht mehr Not leiden müssen, scheint keiner Nachfrage wert.“
Während meines Vortrags in Shibadong vor lokalen Führungskräften, Wissenschaftlern und Geschäftsleuten, herrschte draußen reges Treiben: Kinder spielten, und Sportler nutzten das sonst so idyllische Tal für ein Marathon-Event mit festlichem Rahmenprogramm und Feuerwerk.
Nach dem Vortrag wurde ich befragt, wie Shibadong als Vorbild für andere Orte weltweit dienen könnte. Ich antwortete: Aus meiner Sicht liegt der Erfolg der chinesischen Armutsbekämpfung, wie das Shibadong beispielhaft zeigt, darin, dass hier kein schematisch übertragbares Modell eingesetzt wurde. Stattdessen basiert der Ansatz auf Kreativität und pragmatischem Handeln. Dabei wird der Fokus von der materiellen auf die humane Entwicklung verlagert. Die Menschen vor Ort kennen ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten. Die Führung sollte verstehen und bereitstellen, was machbar und hilfreich ist. Gemeinsam können sich beide Seiten informieren und gegenseitig unterstützen.
„Erwarte kein Paradies, sondern kümmere dich gut um deinen Garten. Besteige den Himalaya, indem du die Stufen erkundest!“
Dieses Motto gilt für die geistige nicht weniger als für die materielle Armut.
Ole Döring ist habilitierter Philosoph und promovierter Sinologe. Er arbeitet zwischen Berlin und China an der Verständigung der Kulturen. Er hat eine Vollprofessur an der Hunan Normal University in Changsha inne, ist Privatdozent am Karlsruhe Institut für Technologie und Vorstand des Instituts für Globale Gesundheit Berlin. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.
