Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Von Oliver Eschke
Auf der diesjährigen Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz (KI) in Shanghai hat Staatspräsident Xi Jinping vier Vorschläge zur Entwicklung und Regulierung der KI vorgelegt und zugleich die Gründung der Weltorganisation für KI-Kooperation angekündigt. China zeigt somit eindeutig, dass es in der Global Governance für diese Zukunftstechnologie eine wichtige Rolle spielen wird.
Chinas Staatspräsident Xi Jinping legt vier Vorschläge zur Entwicklung und Regulierung der KI vor. (Foto vom 17. Juli 2026, Shen Hong/Xinhua)
Vier Vorschläge und ein Ziel
Am Freitag wurde in Shanghai die diesjährige Weltkonferenz für KI sowie des hochrangigen Treffens zur globalen KI-Governance eröffnet. Vor zahlreichen Delegierten aus aller Welt hielt Xi Jinping eine Grundsatzrede und unterbreitete zu diesem Thema vier Vorschläge: Offenheit und gegenseitiger Nutzen, Sicherheit und Kontrollierbarkeit, Inklusivität sowie Solidarität und gemeinsame Anstrengungen.
Ihm zufolge sollte KI durch Open Source, Zusammenarbeit und Teilen alle Branchen befähigen und zum Wachstumsmotor für alle werden. Diese Technologie müsse zudem ein „vertrauenswürdiges Werkzeug der Menschheit“ sein und „stets unter menschlicher Kontrolle“ bleiben. Dafür brauche es Gesetze, technische Überwachung und Notfallsysteme. Zugleich warnte Xi davor, den Begriff der nationalen Sicherheit im KI-Bereich zu überdehnen und die eigene Sicherheit über die der anderen zu stellen. Der chinesische Staatschef betonte außerdem, die Technologie dürfe die Vielfalt der Weltzivilisationen nicht untergraben, sondern solle Verständigung und Austausch fördern. Er forderte unter anderem einen echten Multilateralismus, der auch die Länder des Globalen Südens beim Kapazitätsaufbau unterstützt und die digitale Kluft schließt, statt sie zu vertiefen.
Xi ging jedoch weiter und beließ es nicht bei diesen vier Vorschlägen. Er kündigte 5.000 Trainings- und Workshop-Plätze für Entwicklungsländer in den kommenden fünf Jahren an, den Aufbau des intelligenten Wetterfrühwarnsystems „Mazu“ in 30 Ländern sowie Kooperationszentren für KI-Anwendungen mit ASEAN, der Arabischen Liga, der Afrikanischen Union, der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) und den BRICS-Staaten.
Ein weiteres Highlight seiner Rede war die Gründung der Weltorganisation für KI-Kooperation mit Sitz in Shanghai. Damit existiert erstmals eine zwischenstaatliche Organisation, die KI-Governance nicht im exklusiven Kreis weniger Industriestaaten verhandelt, sondern alle Interessierten an einen Tisch holt.
Ein Roboter holt ein Getränk aus einem Regal. Über 200 Aussteller nehmen an der World AI Conference (WAIC) 2026 in Shanghai teil. (19. Juli 2026, Xinhua)
Fortschritt als Fundament
China spricht dabei längst nicht mehr als Zaungast, sondern als eine der führenden KI-Nationen. Die Wertschöpfung der Hightech-Fertigungsindustrie wuchs im ersten Halbjahr 2026 um 13,3 Prozent, der Handel mit Computing-Hardware legte um 56,6 Prozent zu, und die Produktion von Industrierobotern wächst zweistellig. Offene große Sprachmodelle (LLM) chinesischer Anbieter wie Doubao oder Qwen gehören inzwischen weltweit zu den meistgenutzten. Es sind insbesondere Entwickler in Schwellenländern, die sich teure proprietäre Systeme nicht leisten können, die von diesen Open-Source-Modellen ganz unmittelbar profitieren. Das Land vollzieht sichtbar den Wandel vom Produktionsstandort zum Innovationszentrum. Wer über solche Fähigkeiten verfügt und trotzdem auf Offenheit und Teilhabe setzt, statt Technologie als geopolitisches Druckmittel einzusetzen, hat sich das Rederecht in der globalen Governance-Debatte verdient.
Regeln statt Rhetorik
Auch gesetzgeberisch ist China längst vorangeschritten. Bereits seit Anfang 2023 gelten verbindliche Regeln für Deep-Synthesis-Anwendungen und generative KI. KI-erzeugte Inhalte müssen eindeutig gekennzeichnet werden, mit sichtbaren Hinweisen für die Nutzer und technisch rückverfolgbar über digitale Wasserzeichen und maschinenlesbare Metadaten. Jüngst kamen Vorschriften für menschenähnliche KI-Interaktionsdienste hinzu, die Minderjährige besonders schützen und Anbieter zur Suchtprävention und zur Erkennung von Nutzern in Notlagen verpflichten. Parallel arbeitet Chinas Staatsrat an einem übergreifenden KI-Gesetz, das den gesamten Lebenszyklus abdeckt: von den Trainingsdaten über die Algorithmen-Aufsicht bis zur Cybersicherheit. Während in anderen Weltregionen noch über Grundsatzfragen debattiert wird, sammelt China seit Jahren regulatorische Praxiserfahrung. Xis Forderung, KI müsse kontrollierbar bleiben, ist also keine Ankündigung, sondern gelebte Wirklichkeit.
KI macht an keiner Grenze halt, weshalb dasselbe auch für ihre Governance gelten muss. Kein Land, keine Region kann Sicherheit, Kennzeichnungsstandards und den Umgang mit Risiken im Alleingang durchsetzen.
Genau hier liegt der Wert des chinesischen Beitrags: Er verbindet technologische Stärke mit regulatorischer Erfahrung und institutioneller Fantasie. Die neue Einrichtung der Weltorganisation für KI-Kooperation gibt auch jenen Ländern eine Stimme, die in den bisherigen Formaten kaum vorkamen. Wer gemeinsame Standards für sichere, gekennzeichnete und menschenzentrierte KI will, findet in China einen Partner. Die Weltkonferenz von Shanghai hat gezeigt, dass China zum globalen KI-Governance-System nicht nur mit Technologie beiträgt, sondern mit Ideen, Institutionen und Gesetzen. Das chinesische Angebot verdient eine sachliche und unvoreingenommene Betrachtung. Die intelligente Zukunft muss gemeinsam gestaltet werden – oder sie wird keine gute.
Der Autor ist langjähriger Ostasienexperte, war lange Jahre für internationale und chinesische Organisationen tätig und arbeitet nun als freier Journalist in China. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.
