Source: Deutsche Nachrichten
Der VDMA erwartet für 2027 ein reales Produktionsplus von drei Prozent. Nach schwierigen Jahren könnte der deutsche Maschinenbau damit wieder wachsen. Doch ein konjunktureller Aufschwung allein macht die Branche noch nicht strukturell wettbewerbsfähiger. Hohe Kosten, knappe Ressourcen und ineffiziente Prozesse bleiben.
Während Maschinenbauer präzise, hochwertige und intelligente Anlagen entwickeln, halten die eigenen Abläufe mit diesem Anspruch oft nicht Schritt: Daten liegen in Silos, gewachsene Portfolios binden Ressourcen und der direkte Draht zum Kunden reißt nach der Inbetriebnahme häufig ab.
„2027 entscheidet sich die Innovationskraft des Maschinenbaus nicht mehr allein an der Maschine. Unternehmen müssen ihre Prozesse und Kundenbeziehungen genauso konsequent modernisieren wie ihre Produkte. Dabei sollten sie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und organisatorischer Wandel zusammendenken. Denn wer diese Aufgaben getrennt bearbeitet, verliert Tempo und verbrennt knappe Ressourcen, die er an anderer Stelle braucht“, sagt Andreas Dold, Lead Expert Industry & Business Development bei der All for One Group.
Weniger Varianten, mehr Ertrag: Produktportfolios kommen auf den Prüfstand
Viele Maschinenbauer haben ein seit Jahrzehnten gewachsenes Portfolio mit hoher Anlagen- und Teilevielfalt. Produktlinien, Sonderlösungen und alte Technologien bleiben am Leben, obwohl sie nur noch kleine Marktsegmente bedienen. Jede zusätzliche Variante verursacht Komplexitätskosten: Die Entwicklung pflegt Konstruktionen, der Einkauf beschafft seltene Teile, die Fertigung hält Sonderprozesse vor und Logistik sowie Service müssen zusätzliche Komponenten über Jahre verfügbar halten. 2027 trennen sich daher Maschinenbauer von Baureihen und Varianten, die Material, Kapital und Fachwissen binden, aber zu wenig Ertrag bringen.
„Im Maschinenbau war lange ausschlaggebend, was technisch machbar ist. 2027 rückt stärker in den Fokus, was sich wirtschaftlich noch rechtfertigen lässt. Für diese Entscheidung braucht es eine starke Datenbasis, die Absatz, Marge, Engineering-Aufwand und Nachfrage zusammenführt. Auch das zahlt auf Nachhaltigkeit ein: Knappe Ressourcen sollten nicht in Produkte fließen, die sich kaum noch tragen“, erklärt Andreas Dold.
Datenstrategie: Ohne klare Ausrichtung laufen viele Transformationsprojekte ins Leere
Egal ob KI, datenbasierte Portfolio-Entscheidungen oder ein kundenzentrierter Service – viele Transformationsvorhaben scheitern nicht an Technologie, sondern an den Daten. Dabei verfügen Maschinenbauer längst über große Datenmengen. Sie sind jedoch oft fehlerhaft, stecken in Systemsilos und folgen keinem gemeinsamen Zweck. Datenplattformen müssen 2027 deshalb konkrete Geschäftsziele unterstützen, statt Informationen nur zu sammeln.
Eine tragfähige Datenstrategie verbindet daher Informationen aus Betrieb, Markt und Maschine – von ERP, MES und CRM bis zu Anlagen und externen Quellen. So entsteht eine belastbare Grundlage für operative und strategische Entscheidungen.
KI im Service: Agenten verkürzen den Weg von der Störung zur Lösung
Ob Bildprüfung oder Predictive Maintenance – KI ist im Maschinenbau längst im Einsatz. In den eigenen Geschäftsprozessen dominieren dagegen häufig noch manuelle Abläufe. 2027 dürfte agentische KI deshalb verstärkt im technischen Service zum Einsatz kommen. Denn bei komplexen Störungen müssen Techniker Informationen aus Tickets, CRM-Systemen, Handbüchern und Wartungsberichten oft mühsam zusammentragen – während der Kunde auf die Lösung des Problems wartet.
„Genau für solche Fälle haben wir einen Service Escalation Agent entwickelt. Er ersetzt nicht den Service-Techniker, sondern bündelt Informationen aus verschiedenen Quellen und führt den Experten schneller zur richtigen Lösung. Das reduziert den Suchaufwand, verkürzt Reaktionszeiten und macht Unternehmen unabhängiger vom Wissen einzelner Spezialisten. Gleichzeitig stärkt ein kompetenter Service die Kundenbindung“, erklärt Andreas Dold.
Kundennähe: Der Maschinenlebenszyklus wird zur Kundenbeziehung
Während Vertrieb, Konstruktion und Inbetriebnahme arbeiten Maschinenbauer eng mit ihren Kunden zusammen, danach bricht der Kontakt oft ab. 2027 müssen sie den Kundendialog deshalb über den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen führen.
Das stärkt nicht nur die Kundenbindung: Maschinenbauer gewinnen wichtige Einblicke, wie Betreiber ihre Anlagen nutzen und wie sich Anforderungen ändern. Das hilft ihnen, ihr Portfolio kundenzentriert weiterzuentwickeln. Wer den Kundenzugang hält, kann zudem zusätzliche Aftermarket-Umsätze erzielen – etwa mit digitalen Services, datenbasierten Wartungsangeboten, Software-Upgrades oder nutzungsabhängigen Leistungen. Dafür müssen Maschinenbauer Informationen aus Vertrieb, Kundenportalen und Maschinennutzung verbinden und aus einzelnen Kontakten eine kontinuierliche Beziehung entwickeln.
„Die Auslieferung darf nicht das Ende des Kundendialogs sein. Im Gegenteil: Der Kontakt nach der Inbetriebnahme wird zum strategischen Wettbewerbsvorteil. Loyalty bedeutet im Maschinenbau keine Punkte und Prämien, sondern konkreten Nutzen: einfache Ersatzteilbestellungen, Self-Service, verfügbare Dokumentationen oder schnelle Hilfe im Störungsfall. So wird jeder Kontakt im Maschinenlebenszyklus zum Loyalty-Moment“, erklärt Andreas Dold.
Cyber Resilience Act: Die vernetzte Maschine braucht eine zweite Stückliste
2027 wird die Softwarestückliste (SBOM) für vernetzte Maschinen so wichtig wie die mechanische Stückliste. Denn ab Dezember 2027 gelten die wesentlichen Pflichten des Cyber Resilience Act. Wird eine Schwachstelle bekannt, müssen Hersteller schnell klären: Welche Produkte und Varianten sind betroffen? Welche Softwareversion läuft dort? Bei welchen Kunden stehen diese Maschinen? Und wie gelangt das Update sicher zur Anlage? Eine SBOM schafft Transparenz über die eingesetzte Software. Nur so können Hersteller Sicherheitsrisiken bewerten, betroffene Betreiber informieren und Updates gezielt bereitstellen. Dabei ist der CRM mehr als eine neue Pflicht: Wer Transparenz herstellt, kann nicht nur Schwachstellen schneller beheben. Er kann Kunden über den gesamten Lebenszyklus gezielter betreuen und zugleich die Grundlage für neue digitale Services legen.
„2027 reicht es nicht, digital und effizient zu sein. Zukunftsfähige Maschinenbauer nutzen ihre Daten, um intelligent zu entscheiden, Veränderungen aktiv zu gestalten und ihre Kunden mit neuen Lösungen und einem Service zu inspirieren, der sie spürbar voranbringt. Ob das gelingt, zeigt sich an jedem Kontaktpunkt“, fasst Andreas Dold zusammen.
