Source: Deutsche Nachrichten
Das Bilanzkreismodell für Kommunen erlebt derzeit einen merklichen Nachfrageanstieg in der kommunalen Energiewirtschaft. Nachdem das Modell bereits vor einigen Jahren verstärkt diskutiert wurde, rückt es nun im Zuge der aktuellen Debatte um Energy Sharing erneut in den Fokus von Stadtwerken und Kommunen. Die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) begleitet diese Entwicklung und unterstützt Stadtwerke bei der Einordnung und Bewertung möglicher Umsetzungswege.
Wie groß das Interesse an dem Thema aktuell ist, zeigte der digitale ASEW-Austausch „Bilanzkreismodell für Kommunen“ Anfang September. Rund 100 Vertreterinnen und Vertreter aus Stadtwerken nahmen an der Veranstaltung teil, um sich über Anwendungsfälle, regulatorische Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Aspekte auszutauschen.
Eine während der Veranstaltung durchgeführte Live-Abfrage verdeutlicht den hohen Informationsbedarf innerhalb der Branche. Von den insgesamt 77 Umfrageteilnehmern gaben rund 57 Prozent an, sich zunächst über das Bilanzkreismodell informieren zu wollen. Gleichzeitig erklärten rund 33 Prozent, das Modell konkret für Kommunen oder Gewerbekunden umsetzen zu wollen. Weitere 10 Prozent beschäftigen sich sowohl mit dem Bilanzkreismodell als auch mit Energy Sharing nach § 42c EnWG.
Auch die Einschätzung der aktuellen Entwicklungen in den jeweiligen Stadtwerken zeigt eine zunehmende Relevanz des Themas. Rund 39 Prozent der Befragten berichten von konkreten Anfragen zum Bilanzkreismodell. Etwa 24 Prozent beschäftigen sich aktiv mit der Entwicklung entsprechender Lösungen. Demgegenüber gaben rund 21 Prozent an, Anfragen zum Energy Sharing nach § 42c EnWG erhalten zu haben. Und nur sechs Prozent arbeiten derzeit aktiv an Energy-Sharing-Modellen.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass viele Stadtwerke aktuell nach praktikablen Möglichkeiten suchen, um lokal erzeugten Strom wirtschaftlich und rechtssicher nutzbar zu machen“, ordnet Christoph Landeck, Abteilungsleiter EDL & Innovationen bei der ASEW, die Ergebnisse ein. „Das Bilanzkreismodell wird dabei zunehmend als interessante Ergänzung oder Alternative zu komplexen Energy-Sharing-Konzepten wahrgenommen.“
Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in den Herausforderungen, die derzeit mit Energy Sharing verbunden sind. Neben komplexen Prozessen bestehen weiterhin offene regulatorische Fragestellungen. Hinzu kommen vergleichsweise hohe Prozess- und Dienstleistungskosten für Direktvermarktung und Bilanzkreismanagement.
Das Bilanzkreismodell bietet hier einige Vorteile. Erzeugungs- und Verbrauchsstellen werden innerhalb eines gemeinsamen Bilanzkreises zusammengeführt und einer juristischen Person, beispielsweise einer Kommune, zugeordnet. Voraussetzung ist eine entsprechende Viertelstundenmessung. Gleichzeitig sind die zusammengefassten Strommengen deutlich größer als bei vielen Energy-Sharing-Anwendungen, wodurch die spezifischen Kosten für notwendige Dienstleistungen je Kilowattstunde sinken können.
Im Rahmen des ASEW-Austauschs stellten fünf Stadtwerke unterschiedliche Varianten des Bilanzkreismodells vor. Im Mittelpunkt standen kommunale Anwendungsfälle, bei denen Strom aus kommunalen Erzeugungsanlagen bilanziell verschiedenen Verbrauchsstandorten zugeordnet wird. Ergänzend wurde ein Praxisbeispiel für einen Industriekunden präsentiert, dessen Verbrauchsstandorte bundesweit verteilt sind.
Die Diskussion machte jedoch auch deutlich, dass weiterhin erheblicher Klärungsbedarf besteht. Von einer Standardisierung der Modelle kann derzeit noch keine Rede sein. Die meisten Anwendungen befinden sich nach wie vor im Pilotstadium. Darüber hinaus wurden Fragen zur Wirtschaftlichkeit, zu steuerlichen Rahmenbedingungen, zur Bilanzierung sowie zur Kommunikation gegenüber Bürgerinnen und Bürgern intensiv diskutiert.
„Das Bilanzkreismodell entwickelt sich aktuell sehr dynamisch, gleichzeitig sind viele Fragestellungen noch nicht abschließend geklärt“, betont Landeck. „Deshalb sehen wir einen großen Bedarf für den Erfahrungsaustausch zwischen Stadtwerken. Gerade jetzt ist es wichtig, Best Practices sichtbar zu machen, Erkenntnisse zu teilen und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.“
Besonders aufmerksam verfolgten die Teilnehmer die Diskussion über wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Als positives Beispiel wurde ein Förderprogramm in Rheinland-Pfalz genannt, das Kommunen bei der Umsetzung entsprechender Modelle unterstützt und auch die Einbindung externer Dienstleister ermöglicht. Gleichzeitig wurden offene Fragen zur Strom- und Umsatzsteuer sowie zu den Auswirkungen der EmpCo-Richtlinie auf die Kommunikation kommunaler Projekte thematisiert.
Die ASEW wird das Thema daher weiterhin aktiv begleiten. Bereits für den 19. November ist ein weiterer digitaler Branchenaustausch zum Thema Energy Sharing geplant. Es ist davon auszugehen, dass auch das Bilanzkreismodell dabei erneut eine wichtige Rolle spielen wird.
„Viele Stadtwerke möchten frühzeitig verstehen, welche Möglichkeiten ihnen künftig bei der lokalen Nutzung erneuerbarer Energien zur Verfügung stehen“, so Landeck. „Das große Interesse an unserem Austausch zeigt, dass das Bilanzkreismodell für viele kommunale Unternehmen wieder zu einem strategisch relevanten Thema geworden ist. Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Modelle sich langfristig im Markt etablieren können.“
