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Rekord zum Jubiläum: 1.150 Teilnehmende beim 75. Deutschen Luft- und Raumfahrtkongress

Rekord zum Jubiläum: 1.150 Teilnehmende beim 75. Deutschen Luft- und Raumfahrtkongress

Source: Deutsche Nachrichten
Mit rund 1.150 Teilnehmenden ist der 75. Deutsche Luft- und Raumfahrtkongress (DLRK) am 10. September 2026 in Aachen zu Ende gegangen – so viele wie noch nie in der Geschichte des Kongresses. Drei Themenfelder prägten die drei Tage im Eurogress: neue Flugzeugprogramme und die dafür erforderlichen Kompetenzen, die wachsende strategische Bedeutung der Raumfahrt sowie Sicherheit und Verteidigung als technologische Herausforderung.

Eröffnet wurde Deutschlands größtes wissenschaftlich-technisches Networking-Event der Luft- und Raumfahrt am Dienstag von Roland Gerhards und Cornelia Hillenherms, Präsident und Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DGLR). Silke Krebs, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, zeigte in ihrem Grußwort, welchen Stellenwert die Luft- und Raumfahrt hat und wie weit ihre Bedeutung reicht: von Navigation und Klimamonitoring über den Katastrophenschutz bis hin zur Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit. Das Programm bestand aus 450 Vorträgen und 70 Postern, sieben Plenarvorträgen, Podiumsdiskussionen und ganz viel Austausch und Networking.

Schneller von der Innovation in die Wertschöpfung

In der Eröffnungspodiumsdiskussion ging es direkt um eine aktuelle Problemstellung, mit der sich sowohl die Luftfahrt als auch die Raumfahrt konfrontiert sehen: Wie kann technologische Kompetenz schneller in industrielle Wertschöpfung übersetzt werden? Das diskutierten Isabell Gradert (Airbus), Claus Riegler (MTU Aero Engines), Walther Pelzer (Deutsche Raumfahrtagentur im DLR), Kirsten Bender (Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen) und Peter Jeschke (RWTH Aachen) unter der Moderation von Thomas Bergs (RWTH Aachen).

Ein zentraler Punkt: Luft- und Raumfahrt müssen Entwicklung und Produktion künftig deutlich stärker zusammendenken. Fertigungs- und montagegerechte Konstruktion, Standardisierung und höhere Stückzahlen gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig müssen Robotik, KI und Digitalisierung früher in die Entwicklung einfließen. Der Raumfahrtmarkt hat sich zwischen 2020 und 2025 verdoppelt und die Nachfrage an Flugzeugen liegt ebenfalls weit über der aktuellen Produktionsrate. Die entscheidende Frage sei nun, wie sich die erforderlichen Stückzahlen erreichen lassen. Deutschland müsse seine Erfahrung aus der industriellen Serienfertigung stärker auf die Luft- und Raumfahrt übertragen und schnell Hochratenfähigkeit aufbauen. Außerdem muss klar sein: Nicht allein das technisch bestmögliche Produkt zählt. Entscheidend ist zunehmend ein Produkt, das seine Aufgabe zuverlässig erfüllt und sich zugleich schnell, skalierbar und kosteneffizient herstellen lässt.

Luftfahrt: Daten aus den Silos holen

In der Luftfahrt drehte sich auf dem DLRK vieles um das Sammeln von Daten und die Optimierung alter Prozesse. Thomas Spriesterbach (Lufthansa Airlines) berichtete von den aufwendigen Daily Checks bei Flugzeugen. Rund 30 Prozent der Beschäftigten in der Instandhaltung sind täglich daran beteiligt. Insbesondere die Prüfung des Reifenzustands ist komplex. Deshalb soll die Prüfung digitalisiert werden: Eine Kameraerkennung auf dem Taxiway kann die Reifen von allen Seiten erfassen und somit Druck und Zustand prüfen. Aber auch Öl-Level können über Sensoren automatisch gecheckt werden und das Papier-Logbuch wird durch ein elektronisches TechLog ersetzt und digital geprüft. Damit wird die Prüfung, laut Spriesterbach, sogar noch sicherer als vorher. Die dadurch frei werdenden personellen Kapazitäten fließen in Sicherheit und Weiterentwicklung.

Oliver Zeplin (Airbus) zeigte, wie KI den Passagierflug optimieren kann. So lassen sich beispielsweise Turbulenzen frühzeitig vorhersagen, damit Crew, Passagierinnen und Passagiere – insbesondere Menschen mit besonderen Bedürfnissen – sich besser darauf einstellen können. Sein Befund: Die Informationen der Luftfahrt liegen bislang vielfach in Silos. Zudem wird zu selten zwischen Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Eigentum von Daten unterschieden. Als zielführend sieht er den Weg vom Ego- zum Ökosystem – von der Einzelleistung hin zu einer gemeinsamen Plattform. Damit sollen mehr Effizienz, Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit erreicht werden.

Peter Jeschke (Institut für Strahlantriebe und Turbomaschinen, RWTH Aachen) und Jens Friedrichs (Institut für Flugantriebe und Strömungsmaschinen, TU Braunschweig) widmeten sich der Frage, wie grünes Fliegen tatsächlich möglich wird. Kurzfristig führe der Weg über nachhaltige Kraftstoffe – deren begrenzte Verfügbarkeit allerdings ein großes Problem sei. Langfristig könnte grüner Wasserstoff bis 2050 günstiger werden als Kerosin. Die Klimaziele seien auch ohne Verzicht erreichbar, so die Einschätzung, allerdings nur mit einer konsequenten Vermeidung von Kondensstreifen und einer evolutionären Weiterentwicklung der Technologie. Auch bei ihnen wurde klar: „Wir müssen weniger in Silos optimieren, sondern gemeinsam.“

Raumfahrt: eigene Fähigkeiten, eigener Zugang

Michael Boss (Starlab Space) machte in seinem Plenarvortrag den wirtschaftlichen Kern der nächsten Raumstationsgeneration deutlich. Wer auf der Erde forscht, stößt irgendwann an eine Grenze, die sich im Labor nicht überwinden lässt: die Schwerkraft. Genau hier setzt die Nutzung des erdnahen Orbits an – von der Materialforschung über Life-Support-Technologien bis zur Vorbereitung und zum Training künftiger Mond- und Marsmissionen. Seine kritische Beobachtung dabei ist, dass die Post-ISS-Phase bislang vor allem von amerikanischen Akteuren gestaltet wird, während Europa kaum beteiligt ist.

Jon Reijneveld (The Exploration Company) beschrieb, woran es Europa außerdem noch fehlt: an integrierten Raumfahrtfähigkeiten. Sein Unternehmen arbeitet an einer wiederverwendbaren Kapsel. Wie oft sie tatsächlich fliegen kann, wird erst die praktische Erfahrung zeigen. Entscheidend sei, kritische Technologien und Schnittstellen selbst zu beherrschen. Dafür brauche es auch mehr Infrastruktur, um weitere europäische Champions hervorzubringen. Die zentrale Frage laute: Wie müssen die Rahmenbedingungen gestaltet sein, damit mehr Unternehmen wie Isar Aerospace entstehen können?

Brigadegeneral Volker Pötzsch (Kommando Cyber- und Informationsraum) zeigte, wie stark sich die militärischen Anforderungen verändert haben. Daten seien wie Munition für Soldatinnen und Soldaten. Die Reaktionszyklen hätten sich aufgrund von Daten aus dem Weltraum von früher 75 Minuten auf heute Sekunden und Minuten dramatisch verkürzt, wie sich etwa am Krieg in der Ukraine beobachten lasse. Die Bundeswehr stütze sich dabei auf drei Säulen: Satellitenkommunikation, Sensorik und Geoinformation. Moderne Kriegführung sei ohne die Nutzung des Weltraums nicht möglich und könne durch sie sogar entschieden werden. Mit Blick auf den Zugang zum All schlussfolgerte Pötzsch, dass Kourou im Krisen- und Kriegsfall nicht verlässlich nutzbar sei. Deutschland brauche deshalb eigene Startkapazitäten.

Den Abschluss des wissenschaftlichen Programms machte Thomas Zurbuchen (ETH Zürich), ehemaliger Wissenschaftsdirektor der NASA. Die Space Economy wüchse um rund zehn Prozent pro Jahr, erklärte Zurbuchen. Trotzdem würden die Ambitionen die Budgets weiterhin übersteigen. Man müsse aber nicht mehr investieren, sondern günstigere Technologien entwickeln. Als Beispiel nannte er unter anderem die Mission ESCAPADE, die den Mars zu einem Zwanzigstel der bisherigen Kosten im September 2027 erreichen soll. Die Raumfahrt wachse schnell und skaliere exponentiell. Der Zugang zum All bleibe der entscheidende Engpass und damit ein Wettbewerbsvorteil, den Europa bislang noch ungenutzt lässt. Ablesen ließe sich das an den Startzahlen: 190 Starts pro Jahr in den USA, 90 in China und acht in Europa. „Was Europa tun muss, ist die Frequenz hochschalten.“

Der wissenschaftliche Nachwuchs auf der Bühne

Auch der wissenschaftliche Nachwuchs prägte den Kongress. Mehr als 250 Promovierende, Studierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nahmen teil. Beim DGLR-Netzwerkabend ehrte die DGLR 13 herausragende Studien-, Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen mit den DGLR-Nachwuchspreisen. Die Themen reichten von additiver Fertigung für Raketentriebwerke über Wasserstoff-Brennstoffzellen für Flugzeuge bis hin zu maschinellem Lernen für elektrische Antriebe.

Beim ersten DGLR Students Summit setzten sich Studierende in einem interaktiven Stakeholder-Spiel damit auseinander, wie sich nachhaltige Technologien in einem Umfeld konkurrierender Interessen durchsetzen lassen. Sie diskutierten die jeweiligen Positionen von Airlines, Gesellschaft, Politik, Regulatoren, Technik und Industrie und erlebten hautnah, wie Zielkonflikte entstehen, welche Interessen ausgehandelt werden müssen und welche Kompromisse notwendig sind, um nachhaltige Innovationen voranzubringen.

Vom 14. bis 16. September 2027 geht der DLRK in die nächste Runde. In Bremen werden dann wieder aktuelle Entwicklungen und Technologien diskutiert und neue Kontakte geknüpft.

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