Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Als sich deutsche und chinesische Fachleute Ende der 1980er Jahre trafen, um über moderne Formen psychologischer Behandlung zu sprechen, war keineswegs sicher, ob daraus mehr als einzelne Begegnungen entstehen würde. Die politischen, kulturellen und fachlichen Voraussetzungen in beiden Ländern waren sehr verschieden. Auch die Erfahrungen mit Psychologie und psychischer Gesundheit unterschieden sich deutlich. Dennoch entwickelte sich aus diesen ersten Kontakten eine Zusammenarbeit, die bis heute besteht. Die diesjährige Frankfurter Konferenz der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie, kurz DCAP, bot nun Anlass, auf mehr als drei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit zurückzublicken.
Diese Geschichte ist nicht nur für Fachleute interessant. Sie zeigt beispielhaft, wie Zusammenarbeit zwischen Deutschland und China gelingen kann: nicht durch eine einseitige Übertragung von Wissen, sondern durch Geduld, gegenseitiges Lernen und die Bereitschaft, Unterschiede ernst zu nehmen.
In China gab es vor der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik nur wenig Raum für Psychotherapie im modernen Sinne. Psychische Erkrankungen wurden vor allem medizinisch behandelt. Psychologische Ansätze spielten in Kliniken und Universitäten nur eine begrenzte Rolle. Gleichzeitig gab es einzelne chinesische Ärzte und Wissenschaftler, die sich bereits früh mit psychologischen Fragen beschäftigten und nach eigenen Wegen suchten.
Mit den gesellschaftlichen Veränderungen seit Ende der 1970er Jahre änderte sich die Lage jedoch. Universitäten nahmen ihre Arbeit neu auf, die Psychologie fand wieder stärkere Anerkennung und der Austausch mit dem Ausland wurde möglich. Zugleich veränderte sich das Leben vieler Menschen. Mobilität, Bildung, beruflicher Aufstieg und neue persönliche Möglichkeiten nahmen zu. Damit wuchs auch das Interesse an der Frage, wie Menschen mit Konflikten, Belastungen und seelischen Krisen umgehen können.
In dieser Phase trafen Offenheit und Vorbereitung aufeinander. Chinesische Fachleute wollten neue Ansätze kennenlernen. Deutsche Kolleginnen und Kollegen waren bereit, langfristig zu arbeiten und nicht nur für eine einzelne Vortragsreise nach China zu kommen. Eine wichtige Rolle spielten dabei die deutschen Psychologinnen Margarete Haaß-Wiesegart und Doris Biedermann. Sie reisten bereits in den 1970er und frühen 1980er Jahren nach China, besuchten psychiatrische Einrichtungen und knüpften Kontakte zu chinesischen Fachleuten wie beispielsweise mit dem Psychiater Zhao Xudong. Aus diesen Begegnungen erwuchs der Gedanke eines gemeinsamen Ausbildungsprojekts.
Ein entscheidender Schritt war das erste deutsch-chinesische Symposium für Psychotherapie 1988 in Kunming, Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Es brachte deutsche Lehrende und chinesische Ärzte, Psychologen und Übersetzer zusammen. Dabei ging es nicht nur um Vorträge. Die Teilnehmer wollten verstehen, wie moderne psychologische Behandlung praktisch funktioniert und wie sie unter chinesischen Bedingungen weiterentwickelt werden könnte.
Weitere Symposien folgten 1990 in Qingdao in Shandong und 1994 in Hangzhou, Hauptstadt der Provinz Zhejiang. Vorgestellt wurden unter anderem psychoanalytische, verhaltenstherapeutische, klientenzentrierte und systemische Ansätze. Bald wurde deutlich, dass einzelne Veranstaltungen nicht ausreichen würden. Wer verantwortungsvoll mit psychisch belasteten Menschen arbeiten will, braucht eine längere Weiterbildung, praktische Erfahrung, fachliche Begleitung und regelmäßige Supervision. Deshalb entstand die Idee kontinuierlicher deutsch-chinesischer Ausbildungsgänge.
1996 begann die Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie als „Zhong-De-Ban“, also als chinesisch-deutsches Bildungsprojekt, ihre Arbeit. Die Zusammenarbeit erhielt damit eine dauerhafte organisatorische Grundlage. Seitdem beteiligten sich Hunderte Lehrende aus beiden Ländern. Mehr als 3200 chinesische Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an den Weiterbildungsgängen teil. Hinzu kamen Kongresse, wissenschaftliche Begegnungen, Klinikbesuche und Aufenthalte chinesischer Fachleute an deutschen Universitäten und Einrichtungen.
Zahlen allein erklären jedoch nicht, warum dieses Projekt so lange bestehen konnte. Entscheidend war vielmehr eine bestimmte Haltung. Die deutschen Lehrenden brachten wissenschaftliche Modelle, praktische Methoden und Weiterbildungserfahrungen ein. Doch sie konnten und wollten nicht bestimmen, wie diese Ansätze in China anzuwenden waren. Das konnten nur die chinesischen Kolleginnen und Kollegen selbst entscheiden.
Genau darin liegt ein Schlüssel dieser Kooperation: China hat die deutschen Erfahrungen nicht einfach übernommen. Chinesische Fachleute haben sie geprüft, übersetzt, angepasst und mit eigenen Traditionen und gesellschaftlichen Erfahrungen verbunden. Übersetzung bedeutete dabei weit mehr als die Übertragung von Wörtern. Es ging um unterschiedliche Vorstellungen von Familie, Individualität, Autorität, Harmonie, Konflikt und persönlicher Verantwortung.
Eine Methode, die in Deutschland entstanden ist, kann deshalb nicht unverändert in China eingesetzt werden. Sie muss in einen anderen kulturellen und institutionellen Zusammenhang eingefügt werden. Was bedeutet persönliche Offenheit in einer Gesellschaft, in der familiäre Bindungen eine große Rolle spielen? Wie spricht man über Konflikte, ohne das Gesicht eines Menschen zu verletzen? Wie lassen sich individuelle Bedürfnisse und Verantwortung für die Gemeinschaft miteinander verbinden? Solche Fragen lassen sich nicht von außen beantworten.
Die chinesischen Teilnehmer waren daher nicht nur Lernende. Sie waren von Anfang an Mitgestalter. Viele von ihnen übernahmen später selbst Verantwortung: als Leiter von Kliniken, als Professoren an Universitäten, als Vertreter von Fachgesellschaften oder als Lehrende neuer Weiterbildungsgänge. Aus Teilnehmern wurden Ausbilder, Organisatoren und Berater.
Damit wirkte das Projekt „Zhong-De-Ban“ weit über den ursprünglichen Kreis hinaus. Es unterstützte den Aufbau fachlicher Netzwerke und trug dazu bei, Standards für Ausbildung und die professionelle Praxis zu entwickeln. Chinesische Kolleginnen und Kollegen beteiligten sich an Debatten über Qualität, Ethik und gesetzliche Regelungen. Professor Zhao Xudong wurde im Sommer 2025 zum Präsidenten des World Council of Psychotherapy (WCP) gewählt. Ehemalige Teilnehmer der ersten deutsch- chinesischen Programme wirkten an Beratungen zum chinesischen Gesetz über psychische Gesundheit und an fachlichen Leitlinien mit.
Auch bei gesellschaftlichen Krisen wurde die wachsende Kompetenz sichtbar. Nach dem schweren Erdbeben in Wenchuan im Jahr 2008 beteiligten sich chinesische Fachleute an psychologischer Hilfe für Betroffene. Dabei zeigte sich, dass psychische Gesundheitsversorgung nicht nur in Kliniken stattfindet. Sie ist auch bei Katastrophen, in Schulen, Familien, Universitäten und Gemeinden wichtig.
„Zhong-De-Ban“ gab zudem anderen internationalen Projekten einen Anstoß. Später entstanden in China weitere längerfristige Kooperationen mit Fachleuten aus Norwegen, den USA, Großbritannien, Frankreich und Australien. Das deutsch- chinesische Projekt war also nicht das einzige, aber es gehörte zu den frühen und prägenden Beispielen.
Heute hat sich die Situation in China grundlegend verändert. Psychologie und psychische Gesundheit stoßen auf großes öffentliches Interesse. Beratungsangebote, Weiterbildungen und digitale Formate haben stark zugenommen. Vor allem junge Menschen sprechen offener über Stress, Erschöpfung, Einsamkeit, Leistungsdruck und familiäre Konflikte.
Dieses Wachstum bietet viele Chancen. Es bringt aber auch neue Fragen mit sich. Wo ein großer Bedarf entsteht, wächst schnell ein Markt, was die Gefahr birgt, dass kurze Kurse, schnelle Versprechen und wirtschaftliche Interessen wichtiger werden als fachliche Qualität. Gerade deshalb bleibt die Erfahrung der langjährigen deutsch- chinesischen Zusammenarbeit aktuell. Gute Weiterbildung braucht Zeit. Sie braucht verlässliche Standards, persönliche Verantwortung, ethische Orientierung und die Bereitschaft, die eigene Arbeit kritisch zu prüfen.
Die Frankfurter Konferenz war deshalb nicht nur eine Feier der Vergangenheit. Sie stellte auch die Frage, was aus dieser Geschichte für die Zukunft gelernt werden kann. Die Antwort liegt nicht in einem fertigen Modell. Sie liegt im Geist der Zusammenarbeit: neugierig sein, sorgfältig zuhören, Unterschiede aushalten und Verantwortung teilen.
In den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und China ist häufig von Kooperation, Wettbewerb und Systemrivalität die Rede. Diese Begriffe beschreiben wichtige Teile der Wirklichkeit. Sie erfassen jedoch nicht alles. Die Arbeit der DCAP zeigt eine andere Ebene: die langfristige Zusammenarbeit von Menschen, die ein gemeinsames Problem lösen wollen. Sie begegnen einander nicht nur als Vertreter zweier Staaten, sondern als Fachleute, Lehrende, Lernende und Kollegen.
Gerade solche Beziehungen schaffen Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht durch große Erklärungen. Es wächst durch gemeinsame Arbeit, Verlässlichkeit, persönliche Begegnungen und auch durch die Erfahrung, Missverständnisse überwinden zu können. In mehr als drei Jahrzehnten gab es selbstverständlich unterschiedliche Erwartungen, kulturelle Irritationen und fachliche Auseinandersetzungen. Doch die Zusammenarbeit wurde nicht beendet, wenn es schwierig wurde. Sie entwickelte sich gerade durch diese Unterschiede weiter.
Das vielleicht wichtigste Ergebnis lautet deshalb: Nachhaltige internationale Kooperation entsteht nicht, wenn eine Seite der anderen zeigt, wie es geht. Sie entsteht, wenn beide Seiten etwas einbringen, das die jeweils andere nicht ersetzen kann. Deutschland brachte bestimmte wissenschaftliche und methodische Erfahrungen mit. China brachte nicht nur Offenheit und Bedarf ein, sondern vor allem die Fähigkeit, dieses Wissen in den eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang zu übersetzen und daraus etwas Eigenständiges zu entwickeln.
Aus einem zunächst fast unmöglich erscheinenden Projekt wurde so eine dauerhafte Brücke. Sie verbindet heute Kliniken, Universitäten, Fachgesellschaften und einzelne Menschen. Sie zeigt, dass Weiterbildung Verantwortung erzeugen, aus fachlichem Austausch institutionelle Entwicklung entstehen kann.
Diese Erfahrung reicht über die Psychotherapie hinaus. Sie ist ein Beispiel dafür, wie deutsch-chinesische Zusammenarbeit auch in anderen Bereichen gelingen kann: nicht durch Kopie, nicht durch Belehrung und nicht durch den Verzicht auf Unterschiede. Sondern durch Übersetzung, gemeinsame Entwicklung und den langen Atem persönlicher Beziehungen.
Vielleicht liegt darin eine wichtige Botschaft der Frankfurter Konferenz. China übernimmt nicht einfach. China übersetzt, prüft und entwickelt weiter. Und Deutschland lernt dabei ebenfalls. Genau daraus entsteht eine Zusammenarbeit, die nicht nur Vergangenheit hat, sondern auch Zukunft.
*Ulrich Sollmann ist Körperpsychotherapeut, Executive Coach in Wirtschaft und Politik sowie Publizist. Seine internationale Tätigkeit führt ihn seit mehr 15 Jahren regelmäßig nach China. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt dabei auf dem transkulturellen Kommunikationsformat „East meets West“. Zudem engagiert sich Sollmann im erweiterten Vorstand der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie (DCAP) und ist Visiting Professor and Supervisor der Abteilung für Psychologie am Hospital Nr. 1 der Medizinischen Universität Hebei.
