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Ein Abend in einem Pub in Lhasa – Xizang ist mehr als eine Reise wert

Ein Abend in einem Pub in Lhasa – Xizang ist mehr als eine Reise wert

Source: People’s Republic of China – State Council News in German

Die Frau hinter mir im Bus hörte sich an wie Darth Vader. Kein Wunder, sie trug ja auch eine Maske und atmete zusätzlichen Sauerstoff ein. Den hätte ich auch gebraucht, denn die dünne Luft machte mir auch am dritten Tag meines Aufenthalts noch zu schaffen. Der dritte Tag, ein Sonntag, war leider auch mein letzter Tag in Xizang, das man in Deutschland immer noch eher unter dem Namen Tibet kennt. Anstatt zum Flughafen zu fahren, hätte ich mich gerne noch ein paar Tage akklimatisiert und Lhasa genossen. 

Am Freitag zuvor war meine Reise mit dem Klingeln des Weckers um 4 Uhr gestartet. Am Beijing Capital International Airport wunderte ich mich dann über den Namen eines kleinen Restaurants: „Egg Bomb“ hieß es. Dort wurden Burger, warme Frühstücks-Sandwiches mit Rührei und Kaffee angeboten. Können Sie sich vorstellen, diesen Namen an einem europäischen Flughafen zu lesen? Ich denke, alles mit „Bombe“ im Namen wäre schon gleich in der ersten Runde nach der Ausschreibung aussortiert worden. In China irritiert der Name nicht, weil niemand im Alltag mit Bomben, Terror oder anderen schlimmen Bedrohungen rechnet, am Flughafen erst recht nicht. China ist super sicher. 

Im Flugzeug saß neben mir der bekannte amerikanische Journalist Erik Nilsson, der Xizang im Gegensatz zu mir schon sehr oft besucht hat. Während ich noch versuchte, wach zu werden, schrieb er auf seinem Laptop schon einen Artikel. 

Angekommen in der Hauptstadt Lhasa bekamen wir einen Hada geschenkt, den traditionellen weißen Begrüßungsschal. Ich war ganz fasziniert von den gewaltigen Bergen. Überall, wohin ich guckte, waren welche. Ich musste an Friedrich Schillers Abhandlung über das Erhabene denken. Auch ich – 190 cm groß – fühlte mich klein angesichts dieser Bergriesen. Ich staunte und meine Sorgen spielten für zehn Sekunden keine Rolle mehr. Durch meine Fähigkeit, das alles reflektieren zu können, fühlte ich mich aber im Gegensatz zu Schiller nicht der Natur überlegen. Vielleicht, weil ich Berge nie als intellektuelle Konkurrenz betrachtet habe. 

Die Redakteurin von „China heute“ Xiao Wei hatte mich vor der Höhenkrankheit gewarnt. Da ich direkt von Meereshöhe in Beijing auf rund 4000 Meter Höhe flöge, wäre ich besonders gefährdet. „Es ist besser, sich langsam anzupassen, zum Beispiel während einer langen Zugfahrt“, erklärte sie mir. Nur fehlte mir leider die Zeit dafür und ich wollte unbedingt nach Xizang, so sehr wie einst Tim und Struppi. Ich ließ mir in Lhasa sicherheitshalber Sauerstoffflaschen geben. Als ich dann irgendwann begriff, dass ich nicht einfach an einer Flasche nuckeln konnte, fragte ich aber trotzdem nicht nach einer Maske. Ich dachte, es würde mich schon nicht so schlimm erwischen. 

Während Nilsson wie eine Gazelle umhereilte, lief ich wie Captain Jack Sparrow auf Landgang. Ich litt unter Schwindel, Kopfschmerzen und einem für mich untypischen Auslassen von Mahlzeiten. Nilsson, der nie Probleme mit der Höhe gehabt hatte, erzählte mir, dass einige Einheimische deshalb vermutet hätten, er wäre Tibeter in einem früheren Leben gewesen. Seine Antwort: „Nein, ich war ein Yak.“ Das Fleisch dieser kleinen, wuscheligen Rindviecher schmeckt übrigens köstlich. Xizang ist definitiv auch kulinarisch eine Reise wert. 

Wer einmal in Xizang war, behält es im Herzen, vor allem wegen der netten Menschen. Erik Nilsson, der seit 2011 eine Freiwilligeninitiative zur Armutsbekämpfung auf dem Qinghai-Xizang-Plateau in der Nachbarprovinz Qinghai leitet, ist dabei keine Ausnahme: „Manchmal denke ich sogar, dass meine Asche eines Tages vielleicht in einen der Flüsse des Sanjiangyuan-Gebiets auf dem Plateau gestreut werden könnte.“ 

Es kommen immer mehr Menschen nach Xizang. Und trotz dessen hoher Lage hat der Tourismus noch viel Luft nach oben. 2025 reisten mehr als 70 Millionen Besucher in die Region und sorgten für Einnahmen von etwa 82 Milliarden Yuan, das sind umgerechnet etwa 10,5 Milliarden Euro. Vom wachsenden Besucherstrom leben heute viele Einheimische – zum Beispiel Hotel- und Restaurant-Mitarbeiter, Fahrer, Reiseleiter und Handwerker. 

„Besonders faszinierend finde ich, wie es Xizang gelungen ist, den Erhalt von Kultur und Umwelt sowie die Verbesserung der Lebensbedingungen und wirtschaftlichen Perspektiven miteinander zu verbinden“, sagte mir Nilsson, der die tibetische Schmuck- und Perlenkunst schätzt und selbst einige Armbänder besitzt. Er erzählte mir von Programmen, mit denen ehemalige Hirten zu Elektrikern, Klempnern, Mechanikern oder Bauarbeitern ausgebildet worden seien. „Gleichzeitig hat es kostenlose Schulungen in Bereichen gegeben, die eng mit der tibetischen Kultur verbunden sind.“ 

Apropos Kultur: Bei einem Vortrag des Gesar-Epos, einer jahrtausendalten tibetischen Heldengeschichte, musste ich unwillkürlich an Rap denken. Der Sänger trug die Verse in einem rhythmischen Sprechgesang vor. Der Vergleich hinkt natürlich, aber mir kam es so vor, als hörte ich gerade den ältesten Rap-Song der Welt. 

Ich sah während meiner Reise auch eine moderne Tanz-Performance zum 75. Jahrestag der friedlichen Befreiung Xizangs. Gerade das Nebeneinander und gelegentliche Miteinander von Tradition und Moderne verleihen der Region ihr besonderes touristisches Profil. 

Ich sprach auf der Reise mit einem Meister der wunderschönen Thangka-Malerei, die mich schon seit langer Zeit fasziniert. Der Meister erzählte, wie lange es dauert, diese Malerei zu verstehen und zu beherrschen. 

Obwohl ich Xizang durch viele Bücher und Artikel kannte, war ich nicht vorbereitet auf diese vielen überwältigenden Eindrücke. Dabei hatte ich ja nicht einmal die Graslandschaften aus nächster Nähe gesehen oder die Gebiete, welche aufgrund ihrer Höhe und ihres Klimas an die Arktis erinnern. Nilsson und andere Xizang-Besucher schwärmten davon. Ich muss also wiederkommen und vielleicht treffe ich dann Leser oder Leserinnen von „China heute“. 

Nein, nein, der Artikel endet hier noch nicht. Der würdige Abschluss meiner Reise war der Besuch eines Pubs. Tatsächlich verfügt das moderne Lhasa auch über zahlreiche solcher Lokalitäten. Der schottische Xizang-Kenner und erfolgreiche Autor David Ferguson, den ich auf der Reise kennenlernte, lud mich und seine tibetische Übersetzerin Laura in einen richtig guten Pub ein. 

Der freundliche Barmann sprach ausgezeichnet Englisch, obwohl er das nie studiert hatte, und die Auswahl an Whiskey- und Biersorten war beeindruckend. Ferguson zeigte sich begeistert von Xizangs Kleinstädten „mit den sauberen Straßen und modernen Gebäuden“. Man bekäme den Eindruck von bescheidenem, aber sichtbarem Wohlstand. „In englischen Kleinstädten sieht man dagegen nicht selten verfallene Gebäude, verschmutzte Straßen und Innenstädte, die mit Leerstand zu kämpfen haben“, bedauerte er.  

Da ich im Gegensatz zu Ferguson körperlich nicht auf der Höhe war und wir am nächsten Tag früh raus mussten, wurde es leider ein kurzer Abend. 

Auf dem Rückflug saß ich neben Helena Chang – auch sie ist eine Xizang-Expertin. Die Chinesin, die seit rund 30 Jahren in Wien lebt, ist begeistert von der Autonomen Region: „Es sind nicht nur die oberflächliche Schönheit oder die Szenen auf den Straßen, sondern es gibt sehr viele historische Ebenen.“ 

An Lhasa schätzt sie die „harmonische, soziale, friedliche und zugleich lebendige Atmosphäre“. Selbst beeinflusst von „westlichen Narrativen“ sei sie erstaunt gewesen über das wahre Xizang. „Ich finde, dass in Europa über die frühere Sklaverei in Tibet vergleichsweise wenig gesprochen wird“, bedauert sie und hofft, dass mehr Europäer in die Region kommen, „alles mit eigenen Augen sehen und mit den Einheimischen sprechen“. Diesem Wunsch schließe ich mich an. 

*Nils Bergemann ist studierter Journalist mit langer Erfahrung als Redakteur und Kommunikationsexperte bei Verlagen und anderen Unternehmen. Zuletzt arbeitete er fünf Jahre für die China Media Group. Weiterhin in Beijing lebend unterrichtet er seit 2023 Deutsch, Sprachwissenschaften und Wirtschaft an der University of International Business and Economics.

MIL OSI