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Neue Perspektiven für Chinas Sehbehinderte: die Welt durch die Fingerspitzen sehen

Neue Perspektiven für Chinas Sehbehinderte: die Welt durch die Fingerspitzen sehen

Source: People’s Republic of China – State Council News in German

Die meisten Menschen verlassen sich auf ihre Augen, um die Welt zu „sehen“. Doch für die mehr als 17 Millionen sehbehinderten Menschen in China beginnt „die Welt sehen“ oft an den Fingerspitzen. So auch für Bao Feng. Im dritten Jahr der Mittelschule stürzte eine plötzliche Netzhautablösung sein Leben auf einen Schlag in die Dunkelheit. Zuvor war der Junge aus der Provinz Anhui stets eine echte Leseratte gewesen, vergrub sich oft bis spät in die Nacht mit seiner Taschenlampe unter die Bettdecke, um in ferne Bücherwelten abzutauchen. Mit dem Verlust des Augenlichts brach für den Jugendlichen daher eine Welt zusammen. 

Mit Blick auf diese schwere Zeit sagt er China heute: „Ich stand plötzlich wie vor einem Nichts. Ich konnte nichts sehen, nicht alleine das Haus verlassen, nicht mehr in die Schule.“ Damals wusste er noch nichts von der Existenz von Blindenschulen oder Büchern in Brailleschrift. In den 1990er Jahren waren seine einzige Begleitung die Stimmen aus dem Radio. 

Die Einschulungsrate blinder Kinder in China lag damals bei nur 2,7 Prozent – weniger als drei von hundert blinden Kindern besuchten also eine Bildungseinrichtung. Bao Feng wurde später in der Wuhuer Blindenschule der Provinz Anhui aufgenommen, wo er bald die Blindenschrift lesen lernte. 

Die Braille-Bücher in Blindenschulen fielen damals meist in zwei Kategorien: Zum einen Lehrbücher, zum anderen etwa ein hundert Klassiker der Weltliteratur. Die einzigen einigermaßen zeitnahen Informationsquellen, an die Bao sich erinnern kann, waren damals einige Braille-Kinderbücher und insbesondere eine Monatszeitschrift für Blinde. 

Diese Monatszeitschrift namens „Literatur für Chinas blinde Kinder“ sollte sein Leben noch einmal nachhaltig verändern. „Als ich dieses Magazin zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich überwältigt“, erinnert sich Bao Feng. Für ihn war Lesen nicht nur Informationsgewinnung. Durch die Monatszeitschrift erkannte er, dass es neben ihm noch viele andere sehbeeinträchtigte Menschen in China gab. Und diese betrieben doch tatsächlich sogar verschiedenste Sportarten wie Gateball, nahmen an Wettkämpfen teil, schufen Handarbeiten, besaßen Brieffreunde und gründeten sogar selbst Zeitschriften, wie eben die, die er in den Händen hielt. Gründer hinter „Literatur für Chinas blinde Kinder“ war ein Mann, der im Alter von 41 Jahren erblindet war. 

„Plötzlich wurde mir klar, dass der Verlust meines Sehvermögens nicht das Ende der Welt bedeutete. Es bedeutete einfach eine andere Lebensweise“, sagt Bao heute. Für ihn war – wie wohl für alle blinden Menschen – die Fähigkeit zu lesen der Schlüssel, um die Außenwelt kennenzulernen und mit ihr in Verbindung zu treten. 

Später machte Bao seinen Fachhochschulabschluss in Akupunktur und Massagetherapie. Anschließend setzte er an einer Sonderschule noch einen Abschluss in Rehabilitationsmethoden obendrauf. Dank seiner guten Leistungen fing er zunächst in einer Klinik an, später eröffnete er seine eigene Praxis. 

Für Liang Suju, ein Mädchen aus einem Bergdorf in Guilin im autonomen Gebiet Guangxi der Zhuang, war die erste Lektüre der Zeitschrift sogar noch eindrücklicher. Ihr Heimatort war nämlich lange Jahre nur schwer zugänglich, die erste offizielle Straße wurde erst im Jahr 2000 fertiggestellt. Nachdem Liang im Alter von neun Monaten infolge eines Fiebers erblindet war, verbrachte sie ihre Kindheit damit, als reine Zuhörerin am örtlichen Schulunterricht teilzunehmen. 2001 hielt sie erstmals eine Ausgabe des besagten Blindenmagazins für Kinder in den Händen. 

„Ich fühlte mich lange wie der sprichwörtliche Frosch am Boden eines Brunnens, konnte wegen der körperlichen Beeinträchtigung nicht über meinen begrenzten Horizont hinausschauen“, berichtet Liang. Die Monatszeitschrift öffnete für sie nicht nur ein Fenster, sondern gleich mehrere. Durch das Magazin erfuhr sie erstmals von der Existenz von Blindenschulen. Über die Brieffreundschaftsrubrik knüpfte sie Freundschaften mit anderen Kindern. Durch die geschilderten Geschichten erfuhr sie von Menschen mit ähnlichem Schicksal, die Hindernisse überwanden und ein erfülltes, erfolgreiches Leben führten. „Als ich diese Artikel las, dachte ich: ‚Das kann ich auch.‘“ 

Mit Hilfe des 1996 in ihrer Region gestarteten Bildungsprojekts „Goldener Schlüssel“ wurde sie eingeschult, besuchte später die Universität und arbeitet heute als Massagetherapeutin. Liangs Leben wurde durch die Welt, die ihr das Lesen eröffnete, neu geschrieben. 

Wenn Finger Wörter berühren, hören Ohren die Welt

Heute beschränkt sich der Zugang zu Leseerlebnissen für Sehbehinderte nicht mehr bloß auf die Blindenschrift. Laut Bao Feng nutzen zwar einige Sehbeeinträchtigte noch Braille – besonders für Prüfungen, wo taktile Eindrücke stärker sind –, doch die vorherrschende Methode ist heute das Hören von E-Books über Smartphones oder das Lesen mit Hilfe von Screenreadern auf dem Computer. Aktuell werden insbesondere lebendig vorgetragene Hörbücher in der Community immer beliebter. 

„Romane wie ,Rikscha-Kuli‘ mit einer KI-Stimme zu hören, macht komplett den Beijinger Charme zunichte“, findet Bao. Er bevorzugt daher von echten Sprechern eingelesene Hörbücher, weil diese „lebendiger“ seien, sagt er. Liang Suju hingegen unterhält sich nach dem Lesen gerne mit der KI: „Was denkst du über dieses Buch?“, fragt sie dann KI. Auch, wenn die KI nicht wirklich denke, sei das Gespräch selbst für sie doch eine Form des vertieften Lesens, sagt sie. 

Technologie verändert die Leselandschaft derzeit rasant. WeChat Reading hat sich aufgrund seiner relativ guten Barrierefreiheit zu einem der beliebtesten Tools in der Blinden-Community aufgeschwungen. Sehbehinderte Nutzer können damit Seiten umblättern, Begriffe suchen und Notizen machen, genauso wie sehende Nutzer. Heute bietet Chinas Nationale Braille-Bibliothek zudem einen kostenlosen Versandservice an. 

Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen. Obwohl Bao Feng sich sehr dankbar dafür zeigt, dass heute weitaus mehr Lesematerial für Blinde verfügbar ist als noch zu seinen Schulzeiten, weist er dennoch darauf hin, dass zahlreiche Bücher keine digitale oder Audio-Version besäßen. Viele WeChat-Kanäle präsentierten ihre Inhalte ausschließlich als Bilder oder PDF-Dateien, was die Verarbeitung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen erschwere, sagt er. Selbst auf Plattformen, die sich als „für alle zugänglich“ bewürben, stießen blinde Nutzer weiterhin auf Hindernisse bei der Lektüre. 

Liang träumt für die Zukunft von einer KI-Brille, die jedes gedruckte Buch laut vorlesen kann. „Ich möchte keine Sonderbehandlung, ich möchte einfach wie eine sehende Person leben: in eine Buchhandlung gehen, ein Buch vom Regal nehmen und wissen, was drin steht. Das wäre für mich die beste Form von Barrierefreiheit“, sagt sie. 

Lesen – mehr als nur Informationsgewinnung 

Für Sehbehinderte geht das Lesen von Büchern weit über Wissensvermittlung hinaus. Es ist eine Neugestaltung der eigenen Weltsicht, eine Tür zu vielfältigen neuen Eindrücken. 

Bao hat etwa die autobiografische Erzählung „Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss“ der amerikanischen Autorin Tara Westover sehr geprägt. Sie beschreibt das Leben einer Frau, die einer strengen, isolierten Erziehung entkommt, um Bildung zu suchen. Der Roman habe ihm geholfen, zu erkennen, dass ein Mensch auch unter widrigen Umständen durch harte Arbeit sein eigenes Leben wählen könne. 

„Das Wichtigste, was uns Lesen vermittelt, ist nicht Wissen – denn dafür können wir heute problemlos den chinesischen KI-Chatbot Doubao fragen und erhalten innerhalb von Sekunden eine Antwort“, erklärt uns Bao. „Was wir über das Lesen erfahren, sind verschiedene Lebensentwürfe sowie unterschiedliche Denkweisen und Perspektiven.“ 

Liang Suju ihrerseits hat den klassischen Roman „Die gewöhnliche Welt“ von Lu Yao bereits mehrfach durchgeschmökert. Bei jedem Durchgang entdeckt sie etwas Neues. Für sie liegt die Kraft eines Klassikers darin, dass jeder Leser sich selbst – oder jemanden, den er kennt – in den lyrischen Welten wiederfindet. Werke wie „Vor Ort in Indien“ halfen Liang dabei, durch die Lektüre anderen Kulturen nachzuspüren und sich selbstbewusster mit ihren Patienten zu unterhalten. 

Licht in die Dunkelheit bringen 

In der Ausstellungshalle von Chinas Nationaler Braille-Bibliothek gibt es einen „Dunkelraum“, um Besuchern einen Eindruck davon zu geben, vor welchen Herausforderungen sehbehinderte Menschen im Alltag stehen. Sobald man den Raum betritt, schließt sich die Tür, und man wird gebeten, sich an der Wand entlang zu tasten, bis man eine andere Tür erreicht. 

Für Bao und Liang stellt insbesondere das Leben und Wirken von Xu Bailun ein beeindruckendes Vorbild in ihrem Leben dar. Xu ist der Gründer der „Literatur für Chinas blinde Kinder“, viele in der Community nennen ihn liebevoll „Großvater Xu“. Geboren 1930, führte Xu zunächst ein erfolgreiches Leben, bis er 1971, in der Blüte seines Wirkens, plötzlich an einer Netzhautablösung erblindete. Nach einer Phase der Krise entschied er sich, seine Erblindung nicht als Ende, sondern als Neuanfang seines Lebens zu begreifen – eines Lebens, das er schließlich ganz der Aufgabe widmete, das Leben Chinas blinder Menschen zu erhellen. 1985 gründete Xu das besagte Magazin, die erste außerschulische Zeitschrift für blinde Kinder in China – ein Werk, das unzählige Leben nachhaltig geprägt hat, darunter auch das von Bao Feng und Liang Suju. 

In den vergangenen 40 Jahren haben renommierte Schriftsteller wie Gao Hongbo, Nie Zhenning, Liang Xiaosheng, Zhao Lihong, Xiao Fuxing und Liang Heng inspirierende literarische Stücke für die Publikation beigesteuert. Zudem veröffentlichte die Zeitschrift über 1200 Essays aus der Feder von sehbehinderten Kindern, um ihnen eine eigene Ausdrucksplattform zu anzubieten. 

Doch Xus Engagement ging weit über das reine Publizieren hinaus. Er war es auch, der 1987 das Projekt „Goldener Schlüssel“ anstieß, eine gemeinnützige Initiative, die später vom Forschungszentrum „Goldener Schlüssel“ zur Erziehung Sehbehinderter weitergeführt wurde. Ziel des Programms war und ist es, blinden Kindern und Jugendlichen in Chinas armen, abgelegenen und von ethnischen Minderheiten besiedelten Regionen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung zu verschaffen. Das Programm ermöglichte es sehbeeinträchtigten jungen Menschen vom Land, ihre örtlichen Regelschulen zu besuchen, und trug dadurch zu einer nachhaltigen lokalen Entwicklung bei – unter Einbindung bestehender sonderpädagogischer Ressourcen in ein dreistufiges Netzwerk auf Provinz-, Stadt- und Kreisebene. 

Das Projekt berücksichtigt die besonderen Bedürfnisse blinder Kinder, indem es Fortbildungen für allgemeine Lehrkräfte abhält und die Erstellung individueller Förderpläne unterstützt. 1996 führte das Programm einen großangelegten Feldversuch im autonomen Gebiet Guangxi der Zhuang durch, 1999 startete es seine Arbeit offiziell im autonomen Gebiet Innere Mongolei. Durch Behördenunterstützung und Zusammenarbeit mit NGOs gelang es, die Bildung für Menschen mit Sehbehinderung auf lokaler Ebene zu verankern. 2007 wurde das Projekt dann auf die Provinzen Shaanxi und Heilongjiang ausgeweitet, um Wege zur flächendeckenden Verbreitung der Sehbehindertenpädagogik in Nordwest- und Nordostchina zu erforschen – und damit zum UN-Ziel „Bildung für alle“ beizutragen. 

Überall diese Jahre reiste Initiator Xu Bailun persönlich gemeinsam mit seiner Frau Ji Yuqin durch ganz China, um sehbehinderten jungen Menschen zu helfen. Ein neues Kapitel der Arbeit des Ehepaares begann, als die beiden 2011 in Ruhestand gingen. Auch ohne offizielle Rolle blieben sie aktiv im Leben derjenigen involviert, denen sie auch zuvor schon geholfen hatten. 

2020, während der Coronapandemie, hatten viele Sehbehinderte Schwierigkeiten, als Masseure ein Einkommen zu erzielen, da die Kundenzahl zurückging. Immer bereit, die Community zu unterstützen, richteten die Eheleute, beide mittlerweile in ihren Achtzigern, eine WeChat-Gruppe namens „Liebe spenden“ ein, die sich bald zu zwei Gruppen mit insgesamt rund 600 blinden Mitgliedern entwickelte. Bao und Liang engagierten sich als zwei der Hauptmoderatoren dieser Social-Media-Gruppen. 

Etwas zurückgeben 

Noch immer umfasst diese Gemeinschaft über 600 Mitglieder, von denen jedes mindestens zehn Yuan pro Monat spendet. Dadurch konnten bereits 29 extrem benachteiligte Familien unterstützt werden. Die Plattform bietet jedoch weit mehr als nur finanzielle Hilfe: Sie umfasst auch eine „Herzstation“ für das seelische Wohl, eine Rubrik für Massagetechniken, ein Spalte zum Thema „Lebensgespräche“ sowie einen monatlichen Buchclub. 

In der WeChat-Community sind die Mitglieder nicht nur Empfänger von Hilfe, sondern auch Stützpfeiler für andere. Manche produzieren selbst Hörspiele, führen Interviews, andere engagieren sich bei der Verwaltung der Plattform. „Großmutter Ji“ wird nicht müde, ihren Schützlingen folgende Worte mit auf den Weg zu geben: „Da euch selbst einmal eine helfende Hand von anderen gereicht wurde, tragt ihr Verantwortung, diese Liebe auch an andere Betroffene weiterzutragen.“ 

Von der damaligen Einschulungsrate von 2,7 Prozent bis zum heutigen Zugang zu einem riesigen Ozean an Online-Informationen über Screenreader, Hörbücher und KI; von nur einer einzigen physischen Zeitschrift zu Tausenden E-Books – die Leseumwelt für Chinas Sehbehinderte hat einen echten Quantensprung vollzogen. Die wirkliche Transformation allerdings findet im Leben der Menschen statt. 

Vor dem Tag des weißen Stockes im Oktober 2025, dem weltweiten Aktionstag der blinden Menschen, stellte China eine ganze Reihe taktiler Publikationen vor: „Karten von China und der Welt“ und „Berührbare Schätze des Palastmuseums“. Es waren Chinas erste haptische Karten in großer Auflage sowie auch die ersten auf landesweiter Ebene veröffentlichen Tastbücher für Kulturgüter, allesamt speziell entworfen für die sehbehinderte Leserschaft. Die Veröffentlichung markiert einen wichtigen Schritt in Chinas anhaltenden Bemühungen, die heimische Kultur inklusiver und für jeden besser zugänglich zu machen. 

Die Geschichten von Xu Bailun, Bao Feng und Liang Suju zeigen: Für Menschen mit Sehbehinderung heißt Lesen nicht nur „Bücher mit Augen sehen“ oder „Geschichten hören“. Um es in die Worte von „Großvater Xu“ zu fassen: „Unsere Schützlinge können alles – außer sehen.“ Und Lesen ist der erste Schritt, mit dem sie dies beweisen. 

MIL OSI