Source: Switzerland – Federal Council in German
Generalsekretariat UVEK
Preda, 08.06.2024 – Rede von Bundesrat Albert Rösti
(Es gilt das gesprochene Wort)
Sehr geehrte Damen und Herren aus Politik, Wirtschaft, Tourismus, Medien und Gesellschaft
Ich erlaube mir die Grussformel kurz zu halten, weil wir eigentlich diejenigen namentlich begrüssen müssten, die in den vergangenen Jahren in schwerer Arbeit und unter teils widrigen Umständen den neuen Albula-Bahntunnel gebaut haben. Ein Bauwerk, das an die Pionierleistungen früher Alpen-Eisenbahnbauten anschliesst und uns über zahlreiche Generationen hinweg wertvolle Dienste leisten wird. Ich beginne deshalb mit dem Dank an jede Einzelne und jeden Einzelnen, die sich seit Baubeginn hier am Berg und im Berg die Hände dreckig gemacht und ein technisch und baulich herausragendes Werk erstellt haben. Und selbstredend stehen wir heute hier, weil auch die Planer, Ingenieure, Zulieferer und politischen Entscheidungsträger in ihren jeweiligen Tätigkeiten hervorragende Arbeit geleistet haben. Auch ihnen gebührt der grosse Dank und die Gratulation von uns allen. Der Albulatunnel ist schliesslich kein Bauwerk wie viele andere auch, sondern ein Meilenstein für die RhB, für den Kanton Graubünden und für die Talschaften nördlich und südlich dieser wichtigen Alpenquerung.
Diese Alpenquerung am Albula existiert seit 1903 und ist für uns eine Selbstverständlichkeit geworden. Und so wird auch der neue Tunnel rasch zu einer Selbstverständlichkeit werden. Einerseits ist das natürlich erfreulich, weil es ein Qualitätszertifikat darstellt. Andererseits wird diese Selbstverständlichkeit den grossen Herausforderungen, die es zu meistern galt, nie und nimmer gerecht. Die Störzonen stellten den Ingenieuren und Tunnelbauern äusserst anspruchsvolle Aufgaben. Das stark löchrig-poröse Gestein der Raibler-Rauwacke, das sich in Verbindung mit Wasser rasch zu Schlamm verwandelt, erforderte für die Durchbohrung ein spezielles Gefrierverfahren. Man könnte jetzt meinen, dass der Winter auf der Baustellenhöhe von rund 1800 Metern beste Voraussetzungen für so ein Vorhaben biete. Leider ist die Realität aber ganz anders: Wegen dieser Höhenlage und den eingeschränkten Zufahrtsmöglichkeiten musste die Baustelle während jeweils rund drei Monaten im Winter stillgelegt werden.
In den restlichen neun Monaten galt es nebst den geologischen auch andere Hürden zu meistern: So waren der nebenan verlaufende Bahnbetrieb, der für enge Platzverhältnisse sorgte, und die Rücksicht auf Umwelt und Landschaft ebenfalls unverrückbare Paramater, die viel Flexibilität und organisatorisches sowie logistisches Geschick verlangten. Der Tunnel wurde ja schliesslich in einem ökologisch besonders empfindlichen Raum nahe an Gewässern gebaut und ist Teil der Bahnstrecke Albula/Bernina, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Und wir müssen uns trotz vorbildlicher Sicherheitsmassnahmen weiterhin bewusst sein, dass Baustellen immer auch Gefahren mit sich bringen. Auch wenn heute ein freudiger Tag ist, ist es richtig sich daran zu erinnern, dass wegen einer Verkettung unglücklicher Umstände beim Bau ein Arbeiter tödlich verunglückte. Es ist ein grosses Verdienst, dass vor über 120 Jahren beim Bau des ersten Albulatunnels die geologischen Gegebenheiten genau dokumentiert wurden. Dies half wesentlich, dass man sich beim aktuellen Bau gut auf Zonen mit potenziell gefährlichen und schwierigen Arbeiten vorbereiten konnte.
Wir können glücklich sein, dass wir trotz etwas Verspätung auf die ursprüngliche Planung heute, knapp 10 Jahre nach dem Spatenstich, den Albulatunnel II eröffnen dürfen und der sanierungsbedürftige, bisherige Tunnel zu einem Sicherheitstunnel umgebaut werden kann. Der Albulatunnel ist eine wichtige Verbindung im Netz der Rhätischen Bahn. Seit 135 Jahren prägt sie die Entwicklung des flächenmässig grössten Schweizer Kantons und fördert auf ihren 385 Streckenkilometern den Zusammenhalt der Schweiz über Naturbarrieren hinweg oder eben auch durch diese hindurch. Die insgesamt rund 425 Millionen Franken, die der Albulatunnel II nach heutigem Preisstand den Bahninfrastrukturfonds etwa kosten wird, sind damit auch ein Bekenntnis für den Zusammenhalt unseres Landes und eine Verpflichtung für kommende Generationen diesen Zusammenhalt zu pflegen.
Die RhB trägt zur hohen Qualität des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz bei. Die Menschen in unserem Land profitieren von einem der dichtesten Bahnnetze weltweit. Wir haben eines der wohl pünktlichsten öV-Systeme der Welt. Wir sind ein Land der Bahnfahrer. Und wir investieren deshalb zurecht sehr viel in die Bahn. Beispielsweise
· mit einem höheren Zahlungsrahmen des Bundes für Betrieb und Erneuerung der Bahninfrastruktur 2025 bis 2028
· mit den STEP-Ausbauschritten zur Bahninfrastruktur
· mit der Förderung des Schienengüterverkehrs in der Fläche und der Digitalen Automatischen Kupplung
· oder mit der internen Koordination zwischen Verkehrsträgern und Raumplanung.
So stark wie die RhB in den gesamtschweizerischen Schienenverkehr eingebunden ist, so stark ist sie auch von dessen Herausforderungen betroffen. Ich nenne hier nur ein paar davon:
· Die knapper werdenden finanziellen Mittel: Durch den Spardruck beim Bund werden die Abgeltungen für den regionalen Personenverkehr weniger stark wachsen als in den vergangenen Jahren. Die RhB ist wie alle Transportunternehmen gefordert, haushälterisch mit den Mitteln der öffentlichen Hand umzugehen.
· Ebenso zeichnet sich bei den Mitteln des Bahninfrastrukturfonds für Substanzerhalt, Betrieb sowie Ausbau des Bahnnetzes mittel- bis längerfristig ein Engpass ab.
· Gleichzeitig steigen die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen, während die Billettpreise möglichst unverändert bleiben sollen.
· Und die berechtigten Erwartungen, dass der barrierefreie Zugang an allen Haltestellen des öffentlichen Verkehrs rasch vollständig umgesetzt wird und der Betrieb trotz zahlreichen Baustellen weiterhin pünktlich und sicher fliesst, tragen zur Komplexität bei, die auch für die RhB herausfordernd ist.
Umso erfreulicher ist es festzustellen, wie erfolgreich die RhB in den vergangenen 15 Jahren unterwegs war. Rot sind die Züge, nicht die Zahlen. Mit rund 1’800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern fährt die RhB jährlich 15,5 Millionen Fahrgäste durch Graubünden. Im Personenverkehr fiel die Ertragsentwicklung im vergangenen Jahr äusserst positiv aus. Die Frequenzen und Erträge im Jahr 2023 übertrafen das bisherige Spitzenjahr 2019 deutlich. Gegenüber dem Vorjahr entwickelten sich die Erträge um +19%. Insbesondere der Bernina Express sowie die Freizeit- und touristisch orientierten Linien nach Klosters, Davos, St. Moritz und Scuol trugen überdurchschnittlich zu dieser Entwicklung bei. Auch beim Autoverlad durch den Vereinatunnel war 2023 ein Allzeit-Rekord zu verzeichnen. Einziges Sorgenkind ist, wie andernorts auch, der Güterverkehr. Nebst dem Albulatunnel trieb und treibt die RhB mit den Ausbauschritten 2025 und 2035 auch weitere Verbesserungen und Erweiterungen ihrer Infrastruktur voran.
Als Miteigner der RhB ist der Bund natürlich froh, wenn es dem Unternehmen gut geht und es nicht nur seine tragende Rolle im öffentlichen Verkehr des Kantons Graubünden bestens erfüllt, sondern dies auch noch wirtschaftlich erfolgreich tut. Dass man es dann quasi nebenbei auch noch mit einem Weltrekord ins Guinnessbuch schafft, ist nicht einfach nur zum Spass, sondern zeigt den Esprit und die Anspruchshaltung des Unternehmens und seiner Mitarbeitenden. Deren Begeisterung wiederum überträgt sich auch auf die Gäste, was wichtig ist für das Bild der Schweiz im Ausland.
Meine Damen und Herren, heute eröffnen wir den Albulatunnel II, – ein wichtiges Bauwerk für den öffentlichen Verkehr, für den Kanton Graubünden, für die Schweiz. Auch wenn es nicht die Art der RhB ist breitspurig daherzukommen, dürfen das Unternehmen und alle seine am Bau beteiligten Partner ihre Leistung heute mit einem Schulterklopfen feiern. Die Arbeit an einer der Bahnstrecke, die zu den spektakulärsten der Welt gehört, ist ein Privileg und eine grosse Verantwortung zugleich. Mit Freude dürfen wir festhalten: Sie haben das gut gemeistert. Aus dem Bundesrat darf ich Ihnen deshalb dazu zwei kleine Worte mit grosser Wertschätzung zurufen: Bravo und Danke!
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