Source: Deutsche Nachrichten
Wirtschaftliche Bewertungen neuer Arzneimittel hängen unter anderem davon ab, unter welchen organisatorischen Bedingungen sie eingesetzt werden. Für Market Access eröffnet sich damit eine wichtige Frage: Wie gut bilden bestehende Annahmen die Versorgungspraxis ab?
Eine Therapie wird zugelassen, ihr therapeutischer Nutzen bewertet und ihre wirtschaftliche Bedeutung eingeschätzt. Doch wie gut lassen sich die zugrunde liegenden Annahmen auf unterschiedliche Versorgungssituationen übertragen?
Für Pharmaunternehmen stellt sich diese Frage insbesondere dann, wenn eine Therapie unter unterschiedlichen organisatorischen und versorgungsbezogenen Voraussetzungen eingesetzt wird. Denn die tatsächliche Anwendung eines Arzneimittels kann unter unterschiedlichen organisatorischen und versorgungsbezogenen Bedingungen stattfinden.
Ein bestimmter Behandlungsschritt kann in einer Klinik in bestehende Abläufe integriert werden, während er andernorts zusätzliche Abstimmungen oder personelle Kapazitäten erfordert. Auch Unterschiede in der Verfügbarkeit diagnostischer Leistungen oder der Organisation der Nachsorge können beeinflussen, welche Ressourcen für die Anwendung einer Therapie benötigt werden und welcher Aufwand im Versorgungsalltag entsteht.
Gesundheitsökonomische Modelle benötigen Annahmen über den Ressourceneinsatz und die Kosten einer Therapie. Ihre Aussagekraft hängt jedoch auch davon ab, wie gut sie die tatsächlichen Bedingungen der Versorgung abbilden.
Das bedeutet nicht, dass solche Modelle grundsätzlich unzureichend sind. Es zeigt vielmehr, dass ihre Ergebnisse im jeweiligen Versorgungskontext eingeordnet werden müssen. Durchschnittswerte können wichtige Orientierung bieten, bilden aber nicht zwangsläufig alle Unterschiede zwischen einzelnen Einrichtungen ab.
„Für die wirtschaftliche Bewertung einer Therapie ist nicht nur entscheidend, welche Kosten angesetzt werden. Ebenso wichtig ist, unter welchen Bedingungen diese Kosten entstehen“, sagt Prof. Dr. Michael Greiling, Leiter des Instituts für Workflow-Management im Gesundheitswesen (IWiG). „Wenn wir verstehen wollen, wie sich eine Therapie in der Versorgung auswirkt, müssen wir auch die organisatorischen Voraussetzungen ihrer Anwendung berücksichtigen.“
Für Market Access ergibt sich daraus eine zusätzliche Perspektive: Neben der Frage nach dem therapeutischen Nutzen und den erwarteten Kosten kann relevant sein, welche Voraussetzungen für die Anwendung einer Therapie bestehen und wie sich diese auf den Ressourceneinsatz auswirken.
Eine systematische Betrachtung der Versorgungsabläufe kann dabei helfen, Annahmen zu konkretisieren. Welche Arbeitsschritte sind erforderlich? Welche Berufsgruppen müssen eingebunden werden? Welche Tätigkeiten lassen sich in bestehende Prozesse integrieren? Und an welchen Stellen entstehen zusätzliche Anforderungen?
Solche Informationen können dazu beitragen, wirtschaftliche Bewertungen differenzierter einzuordnen und die Voraussetzungen ihrer Übertragbarkeit transparenter zu machen. Sie können außerdem Hinweise darauf geben, welche organisatorischen Faktoren bei der Einführung einer Therapie berücksichtigt werden sollten.
So lässt sich untersuchen, welche Unterschiede für den Ressourceneinsatz tatsächlich relevant sind und unter welchen Bedingungen sich bestimmte Annahmen auf andere Versorgungssituationen übertragen lassen.
Versorgungsrealität als Ergänzung der wirtschaftlichen Bewertung
Für Pharmaunternehmen liegt darin die Möglichkeit, die wirtschaftliche Perspektive auf neue Therapien zu erweitern. Denn eine Bewertung gewinnt an Aussagekraft, wenn nicht nur Kosten und Ergebnisse betrachtet werden, sondern auch transparent ist, welche Bedingungen ihrer Anwendung zugrunde liegen.
Das IWiG analysiert Versorgungsprozesse und den damit verbundenen Einsatz von Zeit und Ressourcen. Ziel ist es, tatsächliche Abläufe systematisch zu erfassen und Unterschiede zwischen Versorgungssituationen nachvollziehbar zu untersuchen.
Für Market Access wird damit eine Frage zentral, die über den Preis eines Arzneimittels hinausgeht: Unter welchen Bedingungen entfaltet eine Therapie ihre Wirkung – und wie beeinflussen diese Bedingungen den tatsächlichen Ressourceneinsatz?
