Post

Ohne Daten kein grüner Strom? Warum die Energiewende ein digitales Nervensystem braucht.

Ohne Daten kein grüner Strom? Warum die Energiewende ein digitales Nervensystem braucht.

Source: Deutsche Nachrichten
Die Energieversorgung von morgen ist wetterabhängig, komplex – und durch und durch digital. Wind- und Solaranlagen allein reichen nicht aus, um die Energiewende zu meistern. Es braucht smarte Prozesse, um die volatilen Strommengen und den Verbrauch in Echtzeit auszubalancieren. Im Interview bei „Welt der Wunder” sprechen Martin Büscher (Virtimo AG) und Dr. Björn Sossong (HandelGrün GmbH & Co. KG) darüber, warum Daten der wahre Schlüssel zur Marktintegration erneuerbarer Energien sind und wie sich der Strommarkt in den kommenden Jahren verändern wird.

Isabelle Rehana Bhuiyan (Welt der Wunder): Was genau machen Virtimo und HandelGrün genau und in welchen Geschäftsmodellen treffen sich Ihre Unternehmen ganz konkret?

Martin Büscher (Virtimo): Wir von der Virtimo AG bauen digitale Plattformen als zentrales Nervensystem, das Daten und Menschen miteinander verbindet. Das tun wir in Berlin mit 120 Expertinnen und Experten, die bei uns arbeiten. Unser Ziel ist es, die Geschäftsprozesse unserer Kunden und Partner zu automatisieren.

Dr. Björn Sossong (HandelGrün): Die HandelGrün GmbH & Co. KG ist noch ein recht junges Unternehmen. Wir sind erst seit Januar 2026 am Markt, und unser Geschäftsmodell besteht darin, Strom von Anlagenbetreiber:innen der Erneuerbaren zu kaufen und zumeist an der Börse zu verkaufen.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Viele denken ja erst einmal an Windparks, an Solaranlagen, an den Ausbau von Stromnetzen, wenn wir über die Energiewende sprechen. Warum aber sind Daten dabei nicht wegzudenken?

Dr. Björn Sossong: Unser Energiesystem hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert. Anfang der 2000er Jahre haben wir noch zu einem großen Teil fossile Energieträger verbrannt, um Strom zu erzeugen. Heute stammt über die Hälfte unseres Stroms aus Erneuerbaren – Tendenz steigend. Das bringt eine große Veränderung mit sich: Strom aus Wind und Sonne kann nicht immer genau dann erzeugt werden, wenn er verbraucht wird. Man muss das System ganzheitlich denken und Erzeugung sowie Verbrauch aneinander angleichen. Dafür braucht man Daten und Prozesse.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Warum ist dieser digitale Prozess im Hintergrund also mindestens genauso wichtig wie der technische Ausbau der Anlagen?

Martin Büscher: Die Windparks und Solarfelder sind nur die sichtbare Seite. Dort entstehen jedoch im Sekundentakt Messwerte zur aktuellen Stromerzeugung. Damit das Stromnetz stabil funktioniert, müssen diese enormen Datenmengen in Echtzeit gemanagt und verarbeitet werden.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Welche Rolle übernimmt die Virtimo AG in diesem Szenario konkret?

Martin Büscher: Energieversorgungsunternehmen haben historisch bedingt viele unterschiedliche Bestandssysteme. Durch die erneuerbaren Energien kommen nun ganz neue Anforderungen hinzu – zum Beispiel müssen Wetterprognosen integriert werden, da die Sonne darüber entscheidet, wie viel Strom zu welchem Zeitpunkt erzeugt wird. Es gibt also viele Systeme, und all diese Systeme sprechen ein Stück weit ihre eigene Sprache. Wir agieren als Vermittler: Wir verbinden Systeme, übersetzen die unterschiedlichen Sprachen und Protokolle und bilden einen Kern, in dem Prozesse automatisiert werden und in dem sichergestellt werden kann, dass die Informationen zur richtigen Zeit dort ankommen, wo sie benötigt werden.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Herr Dr. Sossong, Sie sprechen von der „Marktintegration erneuerbarer Energien”. Was bedeutet dieser Begriff konkret?

Dr. Björn Sossong: HandelGrün ist ein sogenannter Direktvermarkter. Wir binden Anlagen der Erneuerbaren in unser virtuelles Kraftwerk ein. Der wahre Mehrwert liegt dabei in der Prognose – also den Wetter-Forecasts, von denen Herr Büscher gerade sprach. Wir übertragen diese Prognosedaten in unsere Systeme und spielen sie an die Börse, um den Strom dort möglichst gewinnbringend für die Anlagenbetreiber verkaufen zu können.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Viele Verbraucher wissen gar nicht, was genau passiert, nachdem der Strom erzeugt wurde. Können Sie diese Schritte einmal skizzieren?

Martin Büscher: Der Prozess beginnt sogar schon vor der Erzeugung: Die Prognose ist entscheidend, um zu wissen, wie viel Strom voraussichtlich ins Netz eingespeist wird. Damit die Netze stabil bleiben, muss es immer einen Ausgleich zwischen Einspeisung und Entnahme geben. Händler und Netzbetreiber gleichen permanent ab, welche Mengen an der Börse positioniert wurden und wie viel Strom im Ist-Zustand tatsächlich zur Verfügung steht. Mit diesen Ist-Werten muss agiert werden, um das System auszubalancieren. Im Nachgang gibt es dann auch noch die Abrechnung. Es gibt verschiedenste Akteure – die Händler, Erzeuger, Netzbetreiber –, die ununterbrochen Daten miteinander austauschen. Genau das gilt es sicherzustellen.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Ein zentrales Element in der Zusammenarbeit mit Ihrer Datenplattform ist der sogenannte „Single Point of Truth“. Warum ist es so wichtig, Informationen an einem Punkt zu bündeln?

Martin Büscher: Wenn verschiedene Abteilungen in einem Unternehmen jeweils ihre eigene Datenhaltung pflegen, hat man am Ende drei Wahrheiten und nicht die eine, die zählt. Gerade in einem Kontext, in dem sich Daten sehr schnell ändern, muss sichergestellt sein, dass überall mit den aktuellsten Werten gearbeitet wird. Unsere Plattform in der Cloud stellt genau das sicher und macht die Daten für alle angebundenen Systeme zentral verfügbar.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Lassen Sie uns auf den Energiemarkt von morgen schauen. Wenn wir 5 bis 10 Jahre vorspulen: Welche Entwicklungen werden den Markt am stärksten verändern?

Dr. Björn Sossong: Ein Beben für die Wind- und PV-Energie steht ab 2027 bevor, wenn sich nach einer EU-Verordnung unser aktuelles Fördermodell ändert. Bislang sind Anlagenbetreiber nach unten abgesichert, dürfen aber bei hohen Börsenpreisen sogenannte Übergewinne mitnehmen. Wenn das wegfällt und beispielsweise Modelle wie „Contracts for Difference“ , also eine fixierte Prämie kommen, wird das das Investitionsverhalten stark verändern. Es wird dazu führen, dass erneuerbare Energien noch viel tiefer in den Markt integriert werden. Das sind zum Teil sehr positive Entwicklungen, zum Teil können wir aber auch noch nicht vorhersehen, wohin das im Detail führt. Grundsätzlich bin ich aber davon überzeugt, dass diese stärkere Marktintegration ein wichtiger Schritt ist und wir auf einem guten Weg sind.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Wie optimistisch schauen Sie auf die Energiewende und welche Rolle spielen digitale Plattformen künftig?

Martin Büscher: Die Plattformen werden immer wichtiger. Es gehen immer mehr Anlagen ans Netz, die es zu managen gilt. Dazu kommt die zunehmende Elektrifizierung unseres Alltags durch Elektroautos oder Balkonkraftwerke. Die Notwendigkeit, sich dezentral mit Energie auseinanderzusetzen, ist einfach gegeben. Digitalisierung ist hier kein Thema mehr, das man gerne mal angehen möchte – ohne sie funktioniert es nicht. Sie bleibt der Kernbestandteil der Energiewende.

Dr. Björn Sossong: Ergänzend dazu: Daten sind im Prinzip der Schlüssel, um die stark schwankende Erzeugung mit dem Verbrauch in Einklang zu bringen. Wir können bei steigendem Verbrauch nicht mehr einfach mehr fossile Energieträger verbrennen, sondern wir müssen Erzeugung und Verbrauch zusammendenken. Dafür sind hochverfügbare Datenprozesse ganz wichtig.

Isabelle Rehana Bhuiyan: Spannende Einblicke in die Zukunft mit erneuerbaren Energien. Ich bedanke mich sehr für das Gespräch, Herr Büscher und Herr Dr. Sossong, hier bei Welt der Wunder.

Das Interview wurde im Juni 2026 für das TV-Format „Welt der Wunder“ aufgezeichnet. Hier finden Sie das vollständige Video zum Gespräch.

MIL OSI