Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Geopolitische Spannungen und US-Strafzölle belasten die Lieferketten der verarbeitenden Industrie. Doch während Washington auf KI-gestützte Zollkontrollen setzt, verfolgen kalifornische Unternehmen eine Strategie der Risikostreuung.
Neue US-Zölle und geopolitische Spannungen belasten die Lieferketten der verarbeitenden Industrie. Branchenvertreter betonen, dass die US-Industrie zwar grundsätzlich optimistisch auf die Geschäftsaussichten blickt, sich im derzeit unruhigen Handelsumfeld jedoch mit großer Vorsicht bewegt.
„Zum Jahresende bleibt eine spürbare Unsicherheit im Markt“, erklärte Lance Hastings, Chef der California Manufacturers & Technology Association (CMTA), in einer Pressekonferenz mit Gene Seroka, dem geschäftsführenden Direktor des Hafens von Los Angeles. Entscheidungen in der Industrie bräuchten Zeithorizonte von sechs bis zehn Jahren. Unvorhersehbare Handelshemmnisse erschwerten eine verlässliche Planung erheblich.
Kaliforniens verarbeitendes Gewerbe erwirtschaftet jährlich rund 382 Milliarden US-Dollar und steht damit für etwa zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Bundesstaates. China bleibt ein zentraler Handelspartner mit einem bilateralen Warenaustausch von 137 Milliarden Dollar im Jahr 2024. Belastet wird die Partnerschaft jedoch von den Zöllen der US-Regierung in Washington. Die meisten betroffenen Importe aus China unterliegen derzeit einem zusätzlichen Zollsatz von zehn Prozent. Daneben gelten weiterhin die bestehenden Section-301-Zölle von bis zu 100 Prozent auf Elektrofahrzeuge sowie 50 Prozent auf Halbleiter und Solarzellen.
Auf die Frage, ob der US-chinesische Handelskonflikt Unternehmen zum Abzug aus China bewege, stellte Hastings klar: Es gehe nicht um einen Rückzug, sondern um Diversifizierung der Risiken. „Die Unternehmen bewerten ihr globales Risikoprofil neu.“ Einige Hersteller hätten bereits nach der COVID-19-Pandemie begonnen, ihre Lieferketten neu zu bewerten und eine Verlagerung bestimmter Aktivitäten ins Inland zu prüfen. Zölle und geopolitische Spannungen hätten diesen Anpassungsdruck anschließend weiter erhöht.
Diese Neuausrichtung zeigt sich auch im Hafen von Los Angeles. Der Anteil Chinas am gesamten Geschäftsaufkommen des Hafens ist von rund 60 Prozent im Jahr 2018 auf heute etwa 40 Prozent gesunken, während der Handel mit Vietnam kräftig wuchs. Hafendirektor Seroka warnt jedoch davor, dies als Abkehr von China zu deuten: Die Fertigungs- und Lieferketten zwischen China und Südostasien seien zunehmend enger miteinander verflochten. Importeure erschlössen zwar zunehmend alternative Beschaffungsstandorte, blieben aber in länderübergreifende Zuliefernetze eingebunden.
Unterdessen verschärft Washington die Kontrollen, um mutmaßliche Zollumgehungen über Drittstaaten aufzudecken. Eine KI-gestützte Initiative mit dem Namen „Detective Border“ soll der US-Zollbehörde CBP helfen, Frachtdokumente und Transportrouten automatisiert zu prüfen, um potenziell verdächtige Ladungen zu kennzeichnen.
Seroka betont, der Einsatz künstlicher Intelligenz habe den Warenumschlag bislang nicht behindert. Zugleich warnte er vor einer vorschnellen Gleichsetzung komplexer Lieferketten mit illegaler Zollumgehung. Ähnlich wie in der US-Automobilindustrie verteile sich die Fertigung in Asien häufig über mehrere Länder. Bauteile aus China würden etwa in Nachbarstaaten weiterverarbeitet, bevor sie in die USA exportiert würden. Das US-Zollrecht erkenne solche veredelten Importe über den Grundsatz der „wesentlichen Be- oder Verarbeitung“ grundsätzlich an. Doch für die Hersteller bleibt die Herausforderung immens: Sie müssen langfristige Investitionen in einem Umfeld planen, in dem sich Handelspolitik und Zollregeln deutlich schneller ändern als industrielle Lieferstrukturen.
