Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Von Wang Xuemei, Beijing
Von handgeschmiedetem Silber bis zu kunstvollem Bambusgeflecht – Chinas immaterielles Kulturerbe (IKE) erlebt ein bemerkenswertes Comeback. Einst vor allem in traditionellen Handwerksgemeinschaften weitergegeben und häufig nur im Rahmen von Dokumentations- und Schutzprojekten wahrgenommen, wurden die jahrhundertealten Handwerkstraditionen durch den E-Commerce-Boom wiederbelebt. Das belegt ein aktueller Bericht der Plattformen Taobao und Tmall, der den rasanten Anstieg des IKE-bezogenen Konsums dokumentiert.
Schnell wachsender Markt
Das Transaktionsvolumen von IKE-Handwerksprodukten auf den großen E-Commerce-Plattformen erreichte 2025 die Marke von 100 Milliarden Yuan (rund 14,7 Milliarden US-Dollar), mit mehr als 35.000 Online-Händlern.
Li Shijie, Gründer der Kulturerbe-Silbermarke Xiangruishi auf Taobao, steht repräsentativ für diese Entwicklung. Seine Marke ist in der traditionsreichen Silberschmiedekunst von Heqing in der südwestchinesischen Provinz Yunnan verwurzelt. Mit traditionellen Silberschmiede- und Gold-Silber-Einlegetechniken fertigt Li exklusiven Schmuck für Babys, der sich von austauschbarer Massenware abhebt. Seit der Eröffnung seines Shops 2019 optimiert Li seine Produkte kontinuierlich auf Basis von Kundenfeedback und verzeichnet somit seit fünf Jahren steigende Umsätze.
„Echte Kommerzialisierung des immateriellen Erbes bedeutet, die individuelle Kreativität im Handwerk zu entdecken und seine Unterschiede zu industriellen Gütern als Stärke zu nutzen“, so Li.
Ein weiteres Beispiel ist die Bambuslaterne in Pony-Form, die nach ihrem Auftritt in der CCTV-Frühlingsfestgala 2026 landesweit bekannt wurde. Entworfen von Xu Wuxia, einer jungen Erbin der Bambusflechtkunst, brachte das Werk das jahrhundertealte Kulturgut über Nacht zurück ins Rampenlicht. Durch die Verbindung traditioneller Handwerkskunst mit moderner Ästhetik haben ihre Bambusprodukte bei jungen Menschen an Beliebtheit gewonnen. Beim „Singles’ Day“-Shoppingfestival 2025 stieg ihr Umsatz im Jahresvergleich um das 13-Fache.
„Unsere Stärke ist das originale Design. Wir entwickeln Produkte nach den Bedürfnissen des Marktes und erschließen so Marktlücken. Dadurch haben unsere Produkte kaum direkte Wettbewerber“, betonte Xu.
Dass der Erfolg oft unerwartet kommt, zeigt ein weiteres Beispiel: Im Mai 2026 trug der kleine Sohn von Elon Musk in der Großen Halle des Volkes in Beijing eine traditionell handbestickte Handtasche der Yao in Form eines Tigerkopfes – entworfen von der Guilin-Designerin Liu Siwei und ebenfalls auf Taobao angeboten. Noch in derselben Nacht war die Auflage ausverkauft; insgesamt wurden mehr als 6.000 Exemplare abgesetzt. Die fast zwei Jahrzehnte alte Marke hatte bereits zuvor mit einer „Cyberpunk-Löwenkopf-Motorradhelm“-Kreation auf dem Taobao Creation Festival den Titel „Beste Kreation“ gewonnen. Der Moment der Aufmerksamkeit mag plötzlich kommen – doch dass er sich in nachhaltigen Erfolg verwandelt, ist den 19 Jahren handwerklicher Erfahrung und Beharrlichkeit zu verdanken.
Den Taobao-Daten zufolge haben vier IKE-Kategorien im vergangenen Jahr ein rasantes Umsatzwachstum verzeichnet – angetrieben durch den ästhetischen Geschmack junger Menschen: antike Goldornamente, handgefertigtes Silber, Kleidung im neuen chinesischen Stil und Bambushandwerk.
Bei jungen Menschen beliebt
Das florierende IKE-Geschäft wird vor allem von jungen Verbrauchern und qualifizierten Fachleuten getragen. Kreative der Generationen nach 1990 und nach 2000 stellen 33 Prozent der Kulturerbe-Händler.60 Prozent von ihnen haben mindestens einen Bachelorabschluss, wie der Taobao-Bericht zeigt. Auch auf der Konsumseite dominieren junge Käufer: Sie tragen 43 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Besonders gefragt sind maßgeschneiderte und erlebnisorientierte Produkte, während DIY-Angebote und interkulturelle IP-Kooperationen die Branche weiter voranbringen.
Auch professionelle Kultureinrichtungen fördern die Kommerzialisierung des immateriellen Kulturerbes. Das Beijinger Gemeinsame Labor für digitalen Kulturhandel bringt Handwerker mit globalen Luxusmarken wie Burberry und Bulgari zusammen, um tiefgehende interkulturelle Kooperationen zu ermöglichen.
„Das Interesse junger Menschen am chinesischen immateriellen Kulturerbe wächst stetig. Wir identifizieren handwerkliche Fähigkeiten mit hohem Anziehungspotenzial, entwickeln sie weiter und passen sie an die moderne Marktnachfrage an. Durch internationale Vermarktung erreichen diese traditionellen Handwerkskünste ein junges globales Publikum und ermöglichen so die generationenübergreifende Weitergabe und innovative Entwicklung“, sagte Pei Lifan, Vertreter des Labors.
Zhang Yi, CEO des iiMedia Research Institute, betonte, dass die florierende Entwicklung des IKE-Geschäfts eng mit der Konsumsteigerung in China zusammenhänge. „Spiritueller und kultureller Konsum ist zu einem Kernbedürfnis der Bevölkerung geworden“, sagte Zhang. „China hat ein enormes Potenzial, sein kulturelles Erbe mit den Verbrauchermärkten zu verbinden und so vielfältige neue Geschäftsmodelle zu schaffen.“
Die wachsende Dynamik im Bereich immaterielles Kulturerbe wird zudem durch gezielte staatliche Maßnahmen gestützt. Auf strategischer Ebene hat die Nationale Behörde für Kulturerbe kürzlich den 15. Fünfjahresplan (2026–2030) für den Bereich Kulturgüterschutz vorgelegt, der Entwicklungsschwerpunkte in zehn Bereichen setzt – darunter Denkmalschutz, Sicherheit von Kulturgütern, Archäologie, Museumswesen und internationale Zusammenarbeit. Auf der Umsetzungsebene spielt der 2006 ins Leben gerufene chinesische Sonderfonds zum Schutz des immateriellen Kulturerbes eine zentrale Rolle: Er fördert Kulturerbe-Projekte, Kulturmessen und die berufliche Ausbildung. Diese Maßnahmen unterstützen nicht nur die Ausbildung professioneller IKE-Praktiker und die Erschließung traditioneller Kulturelemente, sondern treiben auch die Kommerzialisierung traditioneller Handwerkskünste voran – und beleben so den inländischen Konsum, so Zhang Yi.
