Source: Deutsche Nachrichten
Lange wurde der Umbau der Energielandschaft in Deutschland aka Energiewende durch die dezentrale, in jedem Fall nicht strategisch geplante Eindeckung von Dächern mit PV-Anlagen geprägt. Angebote wie Wärmepumpen, Wallboxen oder Speicher kamen erst in den letzten Jahren verstärkt hinzu. Aktuell befindet sich die Branche im Umbruch: Vielfach sind Grenzen erreicht, die fehlende integrierte Planung erweist sich als Fehler. Stadtwerke sind dabei zentrale Akteure, die von der Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) bei dem laufenden Umbruch unterstützt werden.
Der Markt für Energiedienstleistungen im Einfamilienhaus befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem die Finanzierung und Vermarktung von PV-Anlagen, Wallboxen und Wärmepumpen im Fokus standen – etwa über Pacht-, Mietkauf- oder Ratenkaufmodelle –, rückt nun zunehmend die intelligente Nutzung und wirtschaftliche Vermarktung dezentraler Flexibilität in den Vordergrund. Für Stadtwerke ist dabei Kundenbindung Mittelpunkt der meisten Aktivitäten, da andere Möglichkeiten, tiefer in die Wertschöpfung einzugreifen, oft weniger durch diese gestaltbar sind.
„Wir erleben derzeit den Übergang vom Zeitalter der Einspeisevergütung zum Zeitalter der Flexibilitätsvermarktung“, ist Sascha Manikowski, Teamleiter Energiedienstleistungen bei der ASEW, sicher. „Das schlägt sich aktuell auch im Kabinettsentwurf zur EEG-Novelle nieder. Die Frage lautet nicht mehr, wie möglichst viele PV-Anlagen installiert werden können, sondern wie deren Energie und Flexibilität wirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Stadtwerke können dabei eine Schlüsselrolle übernehmen.“
Flexibilität im Blick statt Zubau um jeden Preis
Mehrere Entwicklungen treffen derzeit gleichzeitig aufeinander und verändern die Rahmenbedingungen für Anlagenbetreiber und Stadtwerke nachhaltig. Die Zahl installierter Photovoltaikanlagen wächst kontinuierlich, während gleichzeitig immer mehr Anlagen das Post-EEG-Alter erreichen. Mit dem vorgesehenen Wegfall der Einspeisevergütung im EEG 2027 für neue Anlagen verschieben sich etablierte Vermarktungsformen für überschüssige Solarstrommengen nachhaltig, daran wird auch die 36-monatige Übergangsvergütung in der Netzbetreiberabnahme nichts ändern.
Zugleich steigt in vielen Haushalten das Flexibilitätspotenzial deutlich: Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge ermöglichen eine gezielte Steuerung von Erzeugung und Verbrauch. Der fortschreitende Rollout intelligenter Messsysteme und Steuerboxen schafft die notwendige digitale Infrastruktur. Dynamische Stromtarife sowie künftig auch dynamische Netzentgelte erhöhen zusätzlich den wirtschaftlichen Wert automatisierter Energiemanagementsysteme (HEMS). Mit bidirektionalem Laden, Energy Sharing und neuen Ansätzen der Direktvermarktung entstehen darüber hinaus weitere Möglichkeiten, kleine dezentrale Anlagen wirtschaftlich einzubinden.
Das Einfamilienhaus entwickelt sich damit zunehmend vom reinen Stromverbraucher oder klassischen Prosumer zu einer aktiv steuerbaren und vermarktbaren Energieeinheit. „Die Energiewende im Einfamilienhaus geht in die nächste Phase“, gibt Manikowski zu bedenken. „Für Stadtwerke entstehen neue Geschäftsmodelle rund um Direktvermarktung, Energy Sharing und Flexibilitätsmanagement. Voraussetzung dafür ist ein Verständnis dafür, wie sich dieser Markt entwickelt – und genau hierzu möchten wir Orientierung bieten.“
ASEW beschäftigt sich bereits intensiv mit neuen Geschäftsmodellen
Die ASEW begleitet diese Entwicklung seit geraumer Zeit und hat bereits verschiedene Aspekte der zukünftigen Flexibilitäts- und Vermarktungswelt untersucht. Dazu zählt insbesondere der Vergleich verschiedener HEMS-Anbieter, sowie die Frage, ob Stadtwerke idealerweise mit einer Cloud-, Hardware- oder Hybrid-Lösung an den Markt gehen. Gemündet ist diese Analyse in einem Lastenheft für HEMS.
Aber auch die Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen des Energy Sharing nach § 42c EnWG, die Bewertung unterschiedlicher Energy-Sharing- und Vertriebsplattformen im Rahmen eines Dienstleister-Pitches sowie die Einordnung neuer Marktmodelle für Stadtwerke und deren Kunden gehören dazu.
Dabei wurde deutlich: Zukünftige Geschäftsmodelle werden zunehmend auf der Bündelung vieler kleiner Erzeugungsanlagen, Speicher und Flexibilitäten basieren. Erst durch die intelligente Aggregation lassen sich die erforderlichen Größenordnungen für eine wirtschaftliche Vermarktung erreichen.
Nächster Schwerpunkt: Direktvermarktung kleiner PV-Anlagen
Vor diesem Hintergrund richtet die ASEW ihren Blick nun verstärkt auf die Direktvermarktung kleiner Photovoltaikanlagen und die daraus entstehenden Chancen für Stadtwerke.
Einen wichtigen Impuls liefert die gemeinsame Veranstaltung von ASEW, dena und Fraunhofer ISE „PV ohne Vergütung: Was kommt jetzt?“ am 20. August. Im Mittelpunkt stehen Perspektiven für Anlagen, die künftig außerhalb klassischer Förder- und Vergütungsmodelle betrieben werden.
Darauf aufbauend plant die ASEW die Erstellung eines Status-quo-Berichts zur Direktvermarktung aus Sicht der Stadtwerkewelt. Gemeinsam mit Direktvermarktern und weiteren Marktakteuren sollen dabei zentrale Fragestellungen untersucht werden:
Welche Vermarktungsmodelle erweisen sich langfristig als wirtschaftlich tragfähig?
Welche Rolle können Stadtwerke künftig in diesem Umfeld einnehmen?
Welche Bedeutung hat die Bündelung vieler kleiner Anlagen und Flexibilitätspotenziale?
Im Rahmen des HEMS-Symposiums wird die ASEW vertreten durch Sascha Manikowski gemeinsam mit Vertretern von bne, Tibber, metrify und sonnen diskutieren, inwieweit erst der flächendeckende Einsatz von HEMS die wirtschaftliche Steuerung und Direktvermarktung kleiner PV-Anlagen ermöglicht.
Stadtwerke stehen vor einer neuen strategischen Aufgabe
„Für Stadtwerke stellt sich künftig nicht mehr allein die Frage, wie PV-Anlagen, Batteriespeicher, Wallboxen und Wärmepumpen verkauft oder finanziert werden können“, gibt Manikowski zu bedenken. „Sie müssen verstärkt darüber nachdenken, wie die wachsende Zahl kleiner dezentraler Energiesysteme intelligent gesteuert, gebündelt und wirtschaftlich vermarktet werden können. Die ASEW begleitet diesen Wandel bereits heute mit Marktanalysen, Fachveranstaltungen und dem Austausch mit relevanten Marktakteuren. In den kommenden Monaten werden wir die Themen Direktvermarktung, Energy Sharing, HEMS und Flexibilitätsvermarktung weiter vertiefen und für Stadtwerke praxisnah aufbereiten.“
Weitere Details zum Geschäftsfeld und den Angeboten der ASEW für Stadtwerke finden Sie unter www.asew.de.
