Source: People’s Republic of China – State Council News in German
Yiwu, ein örtlicher Großhandelsmarkt, ist über die Jahre zu einem internationalen Schmelztiegel gereift. Mehr als 30.000 Geschäftsleute aus über 100 Ländern und Regionen haben sich in der Stadt angesiedelt. Sie stammen aus allen Zipfeln der Welt, erleben hier vor Ort live mit, wie sich der „Supermarkt der Welt“ immer wieder neu erfindet. Die Zugezogenen aus aller Welt sind längst nicht mehr nur hier, um Waren einzukaufen, sondern auch, um am Trend des digitalen Handels teilzuhaben. Ob Smart-Handel, grenzüberschreitender E-Commerce oder Warenvertrieb per Livestream – in den vergangenen Jahren hat Yiwu sein Ökosystem für Digitalhandel kontinuierlich aufgewertet, hilft ausländischen Geschäftsleuten gezielt dabei, zu neuen Akteuren der Digitalwirtschaft zu werden.
KI macht einkaufen effizienter
Schon beim Betreten des Yiwu Global Digital Trade Centre kommt Hightech-Feeling auf. Direkt am Eingang springt Besuchern die Werbung des WeChat-Mini-Programms „Xiaoshang AI Navigation“ ins Auge. Einfach den großflächigen QR-Code scannen und schon kann man sich als ausländischer Händler über das Mini-Programm rasch zu passenden Geschäften navigieren lassen. Das Programm spuckt in Sekunden die optimale Route aus. Besucher finden sich so in diesem Universum der Stände und Geschäfte schon ab der ersten Minute kinderleicht zurecht.
Neben der Navigationsfunktion wartet das besagte Mini-Programm auch mit einem KI-Bilderkennungstool auf. Sie wissen zwar in etwa, was Sie suchen, aber nicht, wo Sie es finden können? Kein Problem! Einfach ein Bild der gewünschten Ware in der Applikation hochladen und das System erkennt in Windeseile die nötigen Produktdetails und empfiehlt Ihnen den passenden Laden.
Doch die smarten Annehmlichkeiten des Großhandelszentrums reichen noch weiter. Intelligente Übersetzungstools etwa bauen gezielt Sprachbarrieren zwischen Händlern verschiedener Nationen ab. Im Showroom für intelligente Roboter von AgiBot fällt ein transparenter KI-Übersetzungs-Screen ins Auge. Ausländische Einkäufer stehen auf der einen Seite des Bildschirms und stellen in ihrer Muttersprache Fragen zu Produktfunktionen, Preisen und maßgeschneiderten Lösungen. Auf der anderen Seite antworten die Verkäufer auf Chinesisch und stellen ihre Produkte näher vor. Wie kann das gehen? Die Antwort lautet Echtzeit-Übersetzung. Die Sprachen aller Parteien werden automatisch übersetzt, was eine reibungslose persönliche Kommunikation ermöglicht. Dieses von iFLYTEK entwickelte KI-Übersetzungstool kommt im Yiwu Global Digital Trade Centre mittlerweile vielerorts zum Einsatz. Insbesondere schätzen Einkäufer aus nicht englischsprachigen Ländern das Tool.
Die technologischen Gimmicks ermöglichen es ausländischen Händlern nicht nur, blitzschnell passende Läden zu finden und mit Verkäufern ins Gespräch zu kommen, sondern unterstützen sie auch beim Preisvergleich. Während Händler früher noch persönlich von Stand zu Stand pilgern, Angebote schriftlich notieren und wiederholt Waren und Preise vergleichen mussten, genügt heute ein Besuch der Webseiten yiwugo.com oder chinagoods.com bzw. die Eingabe von Suchbegriffen, um Informationen zu Preisen, Produktdetails und Verkaufszahlen ähnlicher Waren übersichtlich dargestellt zu erhalten. Der Einkauf ist dadurch erheblich komfortabler geworden.
Von der Suche nach Läden und Waren bis hin zu Kommunikation und Preisvergleich – digitale Technologien haben den gesamten Einkaufsprozess in Yiwu umgekrempelt. Dabei verändert sich nicht nur die Art und Weise, wie Geschäfte getätigt werden, sondern auch die Fähigkeit des Großhandels-Mekkas, globale Händler miteinander zu vernetzen.
Erste Schritte auf Taobao und Douyin
Angesichts des Digital-Booms im Handel richten immer mehr ausländische Händler ihre Geschäfte neu aus. Sie kommen nicht mehr nur nach Yiwu, um Waren einzukaufen und in ihren Heimatländern zu verkaufen, sondern auch, um die Produkte mithilfe von grenzüberschreitendem E-Commerce von Yiwu aus direkt weltweit zu vermarkten. Ein Bedarf, den die Verantwortlichen in Yiwu längst erkannt haben und auf den sie reagieren. Die Stadt bietet mittlerweile zahlreiche Unterstützungsangebote für grenzüberschreitenden E-Commerce, greift ausländischen Händlern über den gesamten Prozess hinweg gezielt unter die Arme – von der Anbindung an die Lieferkette über den Plattformbetrieb bis hin zur KI-Anwendung.
So bietet etwa der örtliche Verband für grenzüberschreitenden E-Commerce seit einigen Jahren regelmäßig Schulungen für ausländische Unternehmer an. Im November vergangenen Jahres kamen mit seiner Hilfe auf Initiative der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate 17 Unternehmerinnen aus den Emiraten nach Yiwu, um sich systematisch mit den Betriebsmodellen von E-Commerce-Plattformen vertraut zu machen. Einerseits lernten sie, über Plattformen wie Douyin oder Tmall heimische Produkte in China an den Mann bzw. die Frau zu bringen, andererseits loteten sie Strategien aus, um über Kanäle wie Amazon oder andere lokale E-Commerce-Plattformen Produkte aus Yiwu in Nahost zu vermarkten. Ziel war eine wechselseitige Handelszusammenarbeit.
Als wichtiges Bindeglied zwischen Regierung, Plattformen und Unternehmen führt der besagte Verband außerdem immer wieder gemeinnützige Weiterbildungen durch, um chinesischen und ausländischen Gründern beim Erwerb neuer Kompetenzen im digitalen Handel zu helfen. Von der Nutzung internationaler Mainstream-Plattformen wie Amazon, Temu und TikTok über praktische Inhalte wie Logistik und Marketing bis hin zur Anwendung intelligenter Tools wie der Produktauswahl mittels KI – immer mehr ausländische Gründer machen hier ihre ersten Schritte auf dem Parkett des grenzüberschreitenden E-Commerce.
Livestreaming als Studienfach
Der rasante Siegeszug des grenzüberschreitenden E-Commerce hat nicht nur den Warenverkehr verändert, sondern auch neue Geschäftsformen hervorgebracht, so etwa den Verkauf per Livestream. Im Zentrum für mehrsprachiges, grenzüberschreitendes Live-Streaming am Yiwu Industrial & Commercial College reichen ein Smartphone, Beleuchtung und ein Produktpräsentationstisch aus, um eine Live-Streaming-Unterrichtsstunde zu beginnen.
Vor der Kamera stellen die Studierenden Produkte vor und beantworten Fragen von Verbrauchern aus dem Ausland; hinter der Kamera geben derweil die Lehrkräfte Tipps und Tricks für ein erfolgreiches Live-Streaming. Ob die Aufnahme kurzer Videoclips, Live-Verkaufssessions, Videoediting oder der Betrieb von Konten auf internationalen Social-Media-Plattformen – Fähigkeiten, deren Erlernen in Unternehmen früher Jahre in Anspruch nahm, sind heute praktischer Teil des Unterrichts.
In den letzten Jahren hat die Fachhochschule ihre E-Commerce-Ausbildung auch auf das Ausland ausgeweitet. Im Rahmen des Projekts „Yiwu Silk Road Institute (Morocco)“ entsendet die Fachhochschule regelmäßig Lehrkräfte nach Marokko für Kurse zum Thema. Die Dozenten aus China geben den Studierenden vor Ort wertvolle Einblicke in Chinas digitalen Handel und dessen Funktionsweise. Das Studium ist auf zwei Jahre angelegt. Manche Absolventen entscheiden sich danach, für ein Jahr nach Yiwu zu kommen, um dort die Ausbildung fortzusetzen, etwa in Form eines Unternehmenspraktikums.
Nicolas aus dem Senegal ist einer der E-Commerce-Studenten. Su Man, seine Lehrerin am Yiwu Industrial & Commercial College, erzählt: „Hier in Yiwu macht sich Nicolas in einem Unternehmen mit dem Umgang mit sozialen Medien im Ausland vertraut und betreibt parallel dazu seinen eigenen TikTok-Account, auf dem er seine Erfahrungen in Sachen Studium und Leben in China teilt. Er erreicht damit bereits mehr als 10.000 Follower.“
Beim Besuch in Yiwu wird schnell klar: Der Ort hat sich vom „Weltsupermarkt“ zum neuen E-Commerce-Zentrum aufgeschwungen, beweist durch seine Innovationen, dass Offenheit nicht nur freien Warenverkehr bedeutet, sondern auch das Teilen von Knowhow und Chancen. Dieser Geist zieht immer mehr ausländische Gründer an, die hier ihre ersten Gehversuche im digitalen Handel machen und das digitale Wissen in ihre Heimatländer tragen. So schreibt Yiwu vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein neues Kapitel als internationales Bindeglied – weit über den Handel hinaus.
