Source: People’s Republic of China – State Council News in German
In diesem Jahr jährt sich der erfolgreiche Abschluss des Langen Marsches der Roten Armee zum 90. Mal. Auch weit über China hinaus wächst das Interesse an diesem historischen Ereignis. Zu denjenigen, die sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, gehören die deutschen Autoren Volker Häring und Christian Schmidt. Auf einer außergewöhnlichen Fahrradreise folgten sie der historischen Route und hielten ihre Erfahrungen in einem Buch fest.
Das Buch Der lange Fahrrad-Marsch – 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte stößt in Deutschland auf große Resonanz.
Von der Faszination zur eigenen Erfahrung
„Wenn man den Geist des Langen Marsches nicht versteht, versteht man China nicht wirklich.“ Diesen Satz hörte Volker Häring vor mehr als 20 Jahren von einem ehemaligen Soldaten der chinesischen Roten Armee.
Bereits mit 15 Jahren hatte Häring erstmals über den Langen Marsch gelesen. Die Geschichte der Roten Armee, die zwischen 1934 und 1936 unter extremen Bedingungen Tausende Kilometer zurücklegte, beeindruckte ihn tief. Jahrzehntelang beschäftigte er sich mit historischen Quellen und Reiseberichten. Eine Frage blieb dabei offen: Warum besitzt dieses Ereignis bis heute eine so große Bedeutung im kollektiven Gedächtnis Chinas?
Mit 54 Jahren entschloss er sich, dieser Frage auf eigene Weise nachzugehen. Gemeinsam mit seinem 67-jährigen Freund Christian Schmidt wollte er die historische Route des Langen Marsches mit dem Fahrrad nachvollziehen. Zwischen 2023 und 2024 legten die beiden innerhalb von 138 Tagen fast 7.000 Kilometer zurück – von Ruijin in Jiangxi bis nach Wuqi in Shaanxi.
Die Reise wurde schnell zu mehr als einer sportlichen Herausforderung. Eisige Nächte, starke Winde, hohe Gebirgspässe und technische Probleme machten den Weg beschwerlich. Besonders in den Bergregionen Sichuans stießen sie an ihre Grenzen. Rund 450 Kilometer vor dem Ziel fiel schließlich der Motor von Härings E-Bike aus, sodass sie ihre Route teilweise ändern mussten. Ihre Erfahrungen seien natürlich nicht mit der historischen Situation vergleichbar, doch sie könnten sich zumindest vorstellen, welchen Strapazen die Soldaten der Roten Armee damals ausgesetzt waren, so Häring.
Neben den Landschaften prägten auch die Begegnungen mit den Menschen ihre Reise. In Xichang half ihnen beispielsweise ein Fahrradmechaniker bei Reparaturen und gab ihnen wertvolle Hinweise für die Weiterfahrt. In Yan’an führte sie ein lokaler Guide durch historische Stätten. Immer wieder wurden sie von unbekannten Menschen mit Orientierungshilfen, Essen oder kleinen Gesten der Gastfreundschaft unterstützt.
Für die beiden gehören diese Begegnungen zu den wertvollsten Erinnerungen der Reise.
Der Lange Marsch lebt weiter
Als Häring und Schmidt ihre Reise planten, stellten sie sich eine Frage: Wie viele Spuren des Langen Marsches würden fast neun Jahrzehnte nach seinem Ende noch sichtbar sein?
Die Antwort überraschte sie. Entlang der Route begegneten ihnen zahlreiche Formen der Erinnerung – von Museen und Gedenkstätten bis zu Wandbildern, Skulpturen und historischen Ausstellungen. Besonders in Ruijin, Zunyi und an der Luding-Brücke, wichtigen Stationen des Langen Marsches, war die historische Erinnerung deutlich präsent.
Doch die beiden Deutschen sahen nicht nur die Vergangenheit. Sie erlebten zugleich ein China, das sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat.
Als Häring in den 1990er Jahren erstmals ins Land kam, waren viele Reisen noch beschwerlich. Heute erleichtern Hochgeschwindigkeitszüge, mobile Bezahlsysteme, digitale Karten und Online-Dienste den Alltag und das Reisen erheblich.
Für die beiden Deutschen wurde die Route des Langen Marsches dadurch zu mehr als nur einer historischen Spurensuche. Sie wurde zugleich zu einer Reise durch ein Land im Wandel.
Der Lange Marsch findet heute auch in Europa Aufmerksamkeit
Das internationale Interesse am Langen Marsch ist nicht neu. Bereits vor rund 90 Jahren reiste der amerikanische Journalist Edgar Snow nach Nord-Shaanxi. Mit seinem Buch Roter Stern über China vermittelte er dem westlichen Publikum erstmals ein umfassenderes Bild dieses historischen Ereignisses. Seither haben Journalisten, Wissenschaftler und Reisende aus verschiedenen Ländern die Route erkundet.
Auch das Buch von Häring und Schmidt mit dem Titel Der lange Fahrrad-Marsch – 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte stieß in Deutschland auf große Resonanz. Nach seiner Veröffentlichung im Oktober 2025 stellten die beiden Autoren ihre Erfahrungen unter anderem in Hamburg, Leipzig und Berlin vor.
Die Aufmerksamkeit erklärt sich auch vor dem Hintergrund der heutigen Debatte über China in Europa. Wirtschaftliche Verflechtungen und technologische Konkurrenz prägen den öffentlichen Diskurs. Gleichzeitig steht Europa selbst vor Herausforderungen wie sinkender Wettbewerbsfähigkeit, der Transformation der Energieversorgung und der Suche nach größerer strategischer Eigenständigkeit.
Der Blick auf eine andere Gesellschaft und ihre Geschichte kann dabei neue Perspektiven eröffnen. Für die beiden liegt die Bedeutung des Langen Marsches nicht in einem konkreten Entwicklungsmodell, sondern in seiner menschlichen Dimension: der Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen an gemeinsamen Zielen festzuhalten und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren.
Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte: „Alles ist ihr in der Vergangenheit unverloren, denn die Idee ist präsent, der Geist unsterblich.“
Geschichte ist demnach nicht nur Erinnerung, sondern kann auch Orientierung für die Gegenwart geben. Vielleicht liegt genau darin ein Grund, warum der Lange Marsch Jahrzehnte nach seinem Ende weiterhin Aufmerksamkeit findet: Er berührt universelle Fragen nach Ausdauer, Überzeugung und dem Umgang mit schwierigen Zeiten.
