Source: People’s Republic of China – State Council News in German
von Cord Eberspächer
Mit dem fünften Band von „Xi Jinping: China regieren“ liegt eine der umfangreichsten Quellensammlungen zur Politik eines amtierenden Staatsführers der Gegenwart vor. Für den Sinologen und Historiker Cord Eberspächer ist das Werk weit mehr als eine Sammlung politischer Reden: Es eröffnet einen Einblick in die Frage, wie China seinen eigenen Weg zwischen jahrtausendealter Tradition und moderner Staatsführung definiert.
Es ist eigentlich nichts Ungewöhnliches, wenn die Reden oder auch die Papiere bedeutender Staatsmänner (oder Staatsfrauen) herausgegeben werden. In meiner eigenen Sammlung befinden sich beispielsweise die Reden des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarcks oder die gesammelten Werke von Zhang Zhidong, einem wichtigen Reformer der Qing-Dynastie (1644–1911). Vor mir liegt nun die Buchreihe „Xi Jinping: China Regieren“: Sie dokumentiert nicht einzelne Aussagen, sondern die kontinuierliche Entwicklung der Leitgedanken der chinesischen Staatsführung.
Wenn wir nun auf Band V dieser Buchreihe schauen, können wir festhalten: Zum einen ist Xi Jinping ohne Zweifel eine bedeutende Person der Zeitgeschichte, und zum anderen ist es höchst bemerkenswert, dass seine wichtigsten Reden inzwischen schon im fünften Band herausgegeben werden – und das in dem üblichen Doppelschritt: Erst erscheint die Ausgabe auf Englisch und etwa ein halbes Jahr später die Ausgabe in den wichtigsten Sprachen wie Spanisch, Arabisch, Französisch und Deutsch. Das ist eine beeindruckende Leistung der Übersetzer, ein so komplexes und umfangreiches Werk mit seinen zahlreichen spezifischen Ausdrücken in dieser Zeit zu übersetzen.
Was macht dieses Buch für einen Sinologen und Historiker wie mich interessant? Der Historiker in mir sieht zunächst einmal eine wichtige Edition von Quellenmaterial. Der Band enthält 91 Texte und Reden des Präsidenten eines der wichtigsten Staaten der Welt aus einem Zeitraum von rund zweieinhalb Jahren. Die gesamte Regierungszeit Xi Jinpings wird bereits von diesen Werken begleitet und wir haben inzwischen einen umfangreichen Corpus von beinahe 500 Texten, eine wohl einzigartige Dokumentation der Äußerungen eines Staatsführers der Gegenwart. Aus Sicht des Historikers ist das bemerkenswert, denn üblicherweise bekommt man ja eine systematische Sammlung von Quellen erst mit einem deutlichen zeitlichen Abstand zu sehen.
Als Sinologe interessiere ich mich natürlich nicht nur für die Tatsache, dass diese Bände herausgegeben werden, sondern vor allem, was darin zu lesen steht. Ich forsche zur modernen chinesischen Geschichte, besonders zum 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein wichtiges Thema dabei ist für mich die Frage von Chinas Weg in die Moderne, nämlich die Veränderung Chinas in dieser Phase, wie diese Prozesse vor sich gegangen sind und wie China bis heute seinen Weg zwischen Tradition und Moderne navigiert. Auch als Direktor des Konfuzius-Instituts an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf hatte mich dieses Spannungsverhältnis bewegt: Während viele unserer Angebote wie Kalligraphie oder Teezeremonie traditionelle chinesische Kultur vermittelten, fragten unsere deutschen Besucher immer wieder: Wie ist China heute? Mitunter kam es mir vor, als existierten zwei Chinas, ein traditionelles in der Vergangenheit und ein modernes in der Gegenwart. Aber selbstverständlich gibt es immer nur ein China, und so befasse ich mich bis heute mit der Frage, wie Tradition und Moderne, Vergangenheit und Gegenwart sich im heutigen China zueinander verhalten.
Vor diesem Hintergrund weckte das Schlagwort von der „Zweifachen Verbindung“ meine Aufmerksamkeit, das gleich zu Anfang der Vorbemerkungen der Herausgeber erwähnt wird: die grundlegenden Prinzipien des Marxismus mit den konkreten Gegebenheiten Chinas und der hervorragenden traditionellen chinesischen Kultur zu verbinden. Bei näherem Hinsehen wurde das bereits ähnlich im Vorwort zu Band IV geschrieben, die Gedanken Xi Jinpings sollten den „Inbegriff der chinesischen Kultur und des chinesischen Geistes in der heutigen Zeit darstellen“. Oder kurz gesagt, die „Sinisierung des Marxismus“.
Band V enthält eine Rede, die Xi auf einem Treffen über kulturelles Erbe und Entwicklung am 2. Juni 2023 gehalten hat, in der er die Bedeutung dieser „Zweifachen Verbindung“ näher diskutiert. Er beginnt mit der Frage, was an China ohne die lange Geschichte seiner Zivilisation eigentlich besonderes wäre? Und wie der sozialistische Weg ohne chinesische Prägung so erfolgreich sein könnte? Um dann fortzufahren, dass die kulturelle Bedeutung wie auch die einzigartigen Vorzüge des chinesischen Wegs eben nur vor dem Kontext der chinesischen Zivilisation und ihrer Geschichte verstanden werden können.
Wenn Xi Jinping auf das Verhältnis von Marxismus und der hervorragenden traditionellen chinesischen Kultur zu sprechen kommt, findet er eine bemerkenswerte Übereinstimmung. So sieht er in den klassischen sozialen Prinzipien wie dem Handeln für das Wohl der Allgemeinheit in Harmonie mit den Überzeugungen von Kommunismus und Sozialismus, das Gleiche gilt für das Prinzip, das Volk als das Fundament des Landes zu sehen. Und schließlich lehnten beide, chinesische Tradition wie Marxismus, es ab, Menschen als isolierte Einheiten zu verstehen. Die Verbindung der beiden Elemente ist laut Xi kein physikalischer Prozess, in dem das eine das andere verdrängt, sondern er sieht sie als eine chemische Reaktion, in der zwei Elemente miteinander verschmelzen und eine neue Einheit hervorbringen. Erst die kulturelle Identität, die aus dieser Verbindung erwächst, gibt danach der Kommunistischen Partei (KP) Chinas die Kraft, China durch die Entwicklungen der Gegenwart zu steuern.
Ich halte diese Ausführungen für außerordentlich wichtig, um das heutige China zu verstehen. In einzelnen deutschen Medien wird China immer wieder als „leninistischer Parteienstaat“ bezeichnet. Abgesehen davon, dass ich bezweifle, wie viele Autoren eigentlich eine genauere Vorstellung haben, was das eigentlich bedeutet, zeigt es vor allem, dass sie China nicht verstanden haben. Wer glaubt, China allein aus der marxistischen Perspektive begreifen zu können, wird scheitern. Und wie die Ausführungen Xi Jinpings deutlich machen, glaubt das nicht einmal die KP Chinas selbst. Ob in meinem Unterricht oder in öffentlichen Vorträgen betone ich immer wieder, dass man sich China nur dann wirklich nähern kann, wenn man beide Elemente in seine Vorstellungen einbezieht: Tradition und Moderne.
Ich habe gelesen, als Mao Zedong nach der friedlichen Befreiung Beipings (heute Beijing) 1949 darauf wartete, dass sein Quartier in Zhongnanhai für ihn vorbereitet wurde, machte ihn einer seiner Mitarbeiter darauf aufmerksam, dass sich in seiner Handbibliothek zahlreiche klassische chinesische Werke fanden. Tatsächlich studierte Mao 17 Male das Geschichtsbuch „Zizhi Tongjian“ des Sima Guang aus der Song-Dynastie (960-1279) und holte sich auch bei aktuellen politischen Entscheidungen immer wieder Rat aus der reichen Geschichte Chinas.
Und ich weiß, dass sich Xi Jinping seit langem lebhaft für das Thema Tradition und Moderne interessiert. Bei seinem Staatsbesuch in Deutschland 2014 organisierte die chinesische Botschaft in Berlin ein Zusammentreffen Xis mit deutschen Sinologen, an dem ich ebenfalls teilnahm. Ich sollte dort über die Vermittlung traditioneller chinesischer Kultur im Ausland sprechen, hatte aber in meinem Vortrag auch begonnen, die Frage der Rolle der chinesischen Tradition im gegenwärtigen China anzusprechen. Xi Jinping nahm dieses Thema auf und sagte dazu: Um China vorzustellen, sollte man nicht nur die Besonderheiten Chinas, sondern auch das Gesamtbild des Landes; nicht nur das alte China, sondern auch das China in der modernen Zeit; nicht nur Chinas wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, sondern auch das chinesische Volk und die chinesische Kultur vorstellen. Die hervorragenden kulturellen Traditionen Chinas seien tief in den Herzen der Chinesen verwurzelt und zu einem wesentlichen Bestandteil der chinesischen Kultur geworden, der das Verhalten der Menschen unmerklich beeinflusst. Beim Aufbau der sozialistischen Kernwerte haben einige wichtige Inhalte ihren Ursprung in der chinesischen Kultur.
In meiner Forschung habe ich immer wieder festgestellt, dass es „die Moderne“ eigentlich nicht gibt. Der Weg in die Moderne ist kein Kochrezept, sondern – wie auch Shmuel Eisenstadt in seinem Konzept der „multiple modernities“ beschreibt – es gibt viele unterschiedliche Pfade zu beschreiten. China musste seinen eigenen Weg beschreiten, oft unter großen Schwierigkeiten und mit schmerzhaften Erfahrungen. Das Verhältnis von Tradition und Moderne ist ein Prozess, der sich fortsetzt und China auch in der Zukunft immer wieder vor neue Herausforderungen stellen wird. Nur wer aus seiner Geschichte lernen kann, wird auch in der Zukunft bestehen.
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