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​Wandel im Dienst am Volk und Herausforderung des alten Denkens

​Wandel im Dienst am Volk und Herausforderung des alten Denkens

Source: People’s Republic of China – State Council News in German

Von Ole Döring*

Am 1. Juli 1921 wurde die 中国共产党 (Zhongguo Gongchandang) in Shanghai gegründet. Diese Organisation für Chinas Wohlfahrt ist offiziell als „Kommunistische Partei Chinas“ bekannt, kurz KP Chinas. Ihr Auftrag geht weit über den Kampf für die Kommunalisierung der Produktionsmittel hinaus, die den europäischen Kommunismus im Anschluss an Marx und Engels geprägt hat. Chinas Weg zur eigenen Stellung in der neuen Welt, die – im Guten wie im Schlechten – zunächst völlig von Europa und den USA bestimmt war, ist ein Prozess der Selbst-Kultivierung. Wer heute die Stätten besucht, an denen der Geschichte und Kultur der Partei gedacht wird, staunt über die lebendige Kraft und Vielfalt der Themen dieser Bewegung.

Ein volkstümliches Freilichttheater auf dem Gelände einer Kulturindustrie-Basis in Shaoshan, nahe Changsha, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hunan, spielt die Grundmotive des Aufbruchs zu einem neuen China nach. Die Wurzeln der KP Chinas reichen tief ins 19. Jahrhundert zurück. Da geht es zunächst um die stählernen Fesseln der neuen Schwerindustrie, die den Menschen sich selbst fremd werden lassen und deren lohende Flammen unkontrollierbar erscheinen. Der Preis neuer Güter und Möglichkeiten ist hoch. Chinas Laobaixing, die einfachen Leute mit den „Hundert alten Namen“, erleben Ausbeutung, neue Kriegsführung und raffiniertere Unterdrückung, während die abgewirtschaftete Qing-Dynastie trotz Luxus untergeht. Zugleich kommen Ideen, mit der Hoffnung auf neue Formen gesellschaftlicher Beteiligung: Gewerkschaften, Genossenschaften, Presse, neue Berufe, wissenschaftliche Grundlagen für Bildung, Medizin und Landwirtschaft. Die Welt wird größer, die Horizonte rücken näher, alles wird anders.

Wie sollte China den Frieden des einfachen Lebens bewahren? Es ging um Würde und Gerechtigkeit im Alltag chinesischer Menschen, um traditionelle Tugenden und menschliche Werte für die Moderne, die Geburt der Solidarität der Benachteiligten. Es ging um die fassungslose Erschütterung der eigenen Ohnmacht gegenüber einer verkehrten Welt, in der unvermittelt das kleine Japan mit ungeheurer Brutalität Chinas traditionelle Kornkammer und Kultur verheerte; es ging um den Mut, die Entschlossenheit, Weitsicht und das Glück einiger Persönlichkeiten, die der KP Chinas den Weg bereiteten. Die Partei und ihre Anhänger nahmen das Schicksal in eigene Hände, rafften sich zum Langen Marsch auf, dessen Erfolg sich heuer zum 90sten Mal jährt und schufen mit der Gründung der Volksrepublik China 1949 den neuen Rahmen nationaler Souveränität und Integrität.

Im laufenden Jahr des Feuer-Pferdes gewinnen Dampf, Flamme und Zugmaschinen eine eigene Symbolik. Nach 105 Jahren galoppiert China jetzt mit dem 15. Fünfjahresplan endgültig in die Phase seiner kulturellen Selbstbestimmung, nach Jahrzehnten nach- und aufholender Modernisierungen. Die Hitze des Fortschritts, der Druck des gesellschaftlichen Umbaus und die Härte des Wettbewerbs werden in einen ruhigeren Gang geschaltet, mit kühlem Kopf und sanfterer Hand wird die Energie des Wachstums-Schwungs abgeleitet, der Schwung balanciert und die Entwicklung auf ein neues Niveau gelenkt. In dieser Logik ist der „Chinesische Traum“ kein Fieberwahn, sondern lässt den Wunsch der großen Mehrzahl der Chinesen realisierbar erscheinen, China bis Mitte des laufenden Jahrhunderts zu einem modernen sozialistischen Land, das reich, stark, demokratisch, zivilisiert und harmonisch ist, zu entwickeln. Ein wesentlicher Baustein auf diesem Weg ist die Generalreform des Bildungswesens, die Anfang 2025 vom Zentralkomitee der KP Chinas und dem chinesischen Staatsrat unter dem Motto der „Verjüngung und Modernisierung“, als ganzheitliches, eigenständiges und international maßgebliches System bis 2035, vorgestellt wurde.

In Changsha, der Heimat des jungen Mao Zedong, wird man Zeuge regelrechter Fahrten großer Menschenmengen aus allen Alters-, Bildungs- und Einkommensgruppen. Die Geschichte der KP Chinas wird personalisiert, durch Geschichten von Einzelschicksalen und denkwürdigen Ereignissen lebendig gehalten. Politik geht durch den Magen, durch die Augen, Herzen und Gedanken, in Ritualen vermengt sich all dies zur gemeinschaftlichen Erfahrung. Statuen, Fotos, Filme oder Geschichten verbinden sich zum gefühlten Zusammenhang. Die Gegend ist eine der über China verteilten sechs Keimzellen der Partei. Dort erwarb eine Dame namens Ge Jianhao vor fast 110 Jahren ein altes Friedhofsgebäude, am Westufer des Xiang-Flusses. Am 14. April 1918 organisierten dort ihr Sohn, Cai Hesen und dessen Busenfreund Mao Zedong die Gründung der Xinmin-Gesellschaft zur „Erneuerung des Volkes“. Dame Ge ermutigte Söhne und Töchter dazu, von Changsha aus die Sache der Befreiung und Modernisierung zu betreiben. Sie würden „China und die Welt verändern“, die Menschen aus Elend und Fremdbestimmung führen. Später schlossen sie sich der „Chinesischen Sozialistischen Jugendliga“ und der „Kommunistischen Gruppe“ an. Sie bereiteten die Gründung der KP Chinas vor. Bis heute gelten sie als „Pioniere des Parteiaufbaus“. Das Haus ist heute eine Kultur- und Bildungsstätte ersten Ranges.

Ein wesentlicher Unterschied zu den historischen Modellen, an denen das „neue China“ sich orientierte und abarbeitete, ist die alte Tugend der Entwicklung durch Lernen. Keine chinesische Institution verkörpert die Natur der Entwicklung des modernen China so sehr, wie die KP Chinas. Das steckt schon in der experimentellen frühen Prägungsphase. Es drückt sich in der Metapher des Bootes aus. Auf einem Ausflugsboot auf dem Süd-See (Nanhu) in Jiaxing in der Provinz Zhejiang wurde die Gründung der Partei abgeschlossen. Nicht aus Feierlaune, sondern um zu überleben. Die abenteuerlichen Rahmenbedingungen der ersten Jahrzehnte der KP Chinas waren äußerst riskant. Sie entsprechen nicht der Vorstellung einer bürgerlich ausgedachten Revolution, sondern sind Ausdruck der Übernahme von Verantwortung in existentieller Not – es ging nicht allein darum, feindselige Mächte, Klassen oder Privilegien zu bekämpfen, sondern auch darum, im Kampf mit verschiedensten inneren Gegnern, dabei zugleich die eigene Identität zu retten. Die Fähigkeiten zu Improvisation, Anpassung und Erneuerung gewinnen eine unmittelbare Erfahrungsdimension. Auch wenn es nicht an gelehrten Köpfen und intellektueller Arbeit fehlte; die Ideologie konnte nicht dogmatische Grundlage bleiben, sondern wurde fortlaufend modifiziert; der altkonfuzianische Leitsatz über dem Eingang zur Yuelu-Akademie in Changsha, „Suche die Wahrheit in dem was ist“ (shishi qiushi 实事求是), gilt nahtlos auch für die Heutigen.

Das Vertrauen eines gebildeten, unternehmerischen, aufmüpfigen, stolzen und bauernschlauen Volkes erhält man auf Dauer nicht durch Worte. Jahrzehnte von Krisen und Kämpfen aller Art haben die Bevölkerung allergisch gegen falsche Versprechen und wach für pragmatische Projekte gemacht. So muss sich die KP Chinas immer wieder bewähren, auf der aktuellen Stufe der Herausforderungen und Möglichkeiten. Ihre Macht geht mit der Pflicht einher, sich als dienende Organisation zu verstehen. Deshalb ist die Anti-Korruption von herausragender Bedeutung.

Der Unterschied zu den politischen Parteien Europas und der USA, die sich zunehmend auf Kosten des Volkswohls auf ihren Machterhalt als Selbstzweck spezialisiert haben, könnte kaum deutlicher sein. Wenn gute Medizin ist, was gesund macht und gutes Wirtschaften zu gerechtem Wohlstand führt, dann macht gute Politik die Gesellschaft wohlhabender, gesünder und kultivierter. Die über 100 Millionen Mitglieder der KP Chinas entsprechen ca. 7 Prozent der Bevölkerung Chinas: eine diszipliniert dienende Gruppe, die sich immer weiter den Anforderungen des modernen Politik-Managements annähern. Vor diesem Hintergrund ist es besonders kühn, wenn deutsche Funktionäre Vorwürfe an China formulieren, dort sei heute eine Machtclique am Werk.

Was es an dem 105ten Jahrestag zu feiern gibt, steckt in der neuen Form der politischen Verfassung, die China sich durch die KP Chinas als Weg in der Moderne erarbeitet hat. Senior-Professor Thomas Heberer (Duisburg) beschreibt dieses einzigartige Modell als „Entwicklungsstaat“: „Mit der Klassifizierung als autoritäres System oder Einparteiendiktatur lässt sich die Erfolgsgeschichte Chinas nicht erklären. Die meisten autoritären Staaten weisen keine oder nur eine geringe Entwicklung auf.“ Heberer bezieht sich auf die Legitimation stiftende „Schaffung einer neuen Moral“, mit der Antikorruption im Kern, und kennzeichnet den „Parteistaat im gegenwärtigen China als Entwicklungsagentur mit infrastruktureller Macht“. Wenn sich diese Beschreibung ungewohnt liest, so liegt das in der Natur der Sache – auch einige Namen und Begriffe des heutigen Chinas haben etwas Neues.

Es gibt viele Ansätze, die Geschichte und das Wirken der KP Chinas zu verstehen. Mit dem Datum der 105 Jahre gibt uns China einen schönen Anlass, sich gründlich zu orientieren.

* Über den Autor: Ole Döring ist habilitierter Philosoph und promovierter Sinologe. Er arbeitet zwischen Berlin und China an der Verständigung der Kulturen. Er hat eine Vollprofessur an der Hunan Normal University in Changsha inne, ist Privatdozent am Karlsruhe Institut für Technologie und Vorstand des Instituts für Globale Gesundheit Berlin. Die Meinung des Autors spiegelt die Position unserer Webseite nicht notwendigerweise wider.

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