Source: Deutsche Nachrichten
Redaktion (RD): Herr Fürderer, die Gesellschaft für Qualitätsprüfung erweitert den Young Finance Award um das neue Testformat „NextGen Finanzbildung 2026“. Warum beschäftigen Sie sich dieses Jahr so intensiv mit diesem Thema?
Kai Fürderer (KF): Weil Finanzbildung aus unserer Sicht eine der zentralen gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben ist. Wir erleben aktuell eine Generation junger Menschen, die sich deutlich stärker mit Geldanlage, Vermögensaufbau, Altersvorsorge und finanzieller Selbstbestimmung beschäftigt als viele Generationen zuvor. Gleichzeitig werden finanzielle Entscheidungen immer komplexer.
Unsere NextGen Studie 2026 zeigt sehr deutlich, dass junge Menschen Finanzthemen wichtig finden und aktiv nach Informationen suchen. Dabei entstehen neue Informationswege, neue Erwartungen und auch neue Herausforderungen für Banken. Genau deshalb wollten wir die Frage beantworten: Welche Banken leisten heute bereits einen relevanten Beitrag zur finanziellen Bildung ihrer (jungen) Kunden?
RD: Worin unterscheidet sich „NextGen Finanzbildung 2026“ von klassischen Bankentests?
KF: Das Testformat verfolgt einen völlig anderen Blickwinkel. Wir bewerten nicht primär einzelne Produkte oder klassische Beratungsprozesse. Stattdessen analysieren wir, wie gut Banken junge Menschen dabei unterstützen, finanzielle Zusammenhänge zu verstehen und bessere Entscheidungen zu treffen. Dabei betrachten wir Finanzbildung als strategische Aufgabe entlang der gesamten Customer Journey.
Wir untersuchen beispielsweise:
- Wie verständlich werden komplexe Finanzthemen erklärt?
- Werden Lebenssituationen junger Menschen aufgegriffen?
- Gibt es digitale Lern- und Informationsangebote?
- Werden Finanzthemen praxisnah vermittelt?
- Unterstützen Banken junge Kunden bei der Entwicklung finanzieller Handlungskompetenz?
Uns interessiert dabei nicht die Produktwerbung, sondern die tatsächliche Bildungsleistung und dies über alle Kanäle hinweg (von der Webseite über Podcasts bis hin zu Social Media).
RD: Warum gewinnt das Thema gerade jetzt an Bedeutung?
KF: Weil sich das Informationsverhalten radikal verändert. Junge Menschen informieren sich heute über soziale Medien, Podcasts, YouTube, ChatGPT oder Finfluencer. Banken konkurrieren längst nicht mehr nur mit anderen Banken, sondern mit einer Vielzahl neuer Informationsanbieter. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Schaffen es Banken, als vertrauenswürdige Quelle für Finanzwissen wahrgenommen zu werden? Genau hier sehen wir enormes Potenzial. Denn Banken verfügen über Fachwissen, Erfahrung und Zugang zu den Menschen in wichtigen Lebenssituationen. Dieses Potenzial wird vielerorts noch nicht konsequent genutzt.
RD: Die NextGen Studie 2026 zeigt gleichzeitig eine hohe Bedeutung persönlicher Beratung. Ist das kein Widerspruch?
KF: Ganz im Gegenteil. Eines der spannendsten Ergebnisse unserer Studie lautet: Junge Menschen wünschen sich weiterhin persönliche Beratung. Rund 78 Prozent bewerten persönliche Beratung als wichtig oder sehr wichtig. Gleichzeitig sehen nur etwa 53 Prozent diesen Anspruch bei ihrer Hausbank erfüllt. Das zeigt, dass Beratung nicht an Bedeutung verliert. Aber die Erwartungen verändern sich. Die junge Generation möchte selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Sie erwartet Transparenz, Orientierung und verständliche Informationen. Beratung wird dadurch weniger zum Verkaufsgespräch und stärker zum Entscheidungsbegleiter. Finanzbildung und Beratung gehören deshalb unmittelbar bzw. untrennbar zusammen.
RD: Welche Rolle sollten Banken künftig in der Finanzbildung übernehmen?
KF: Banken sollten sich als Lernbegleiter ihrer Kunden verstehen. Wer Finanzbildung nur als Schulprojekt betrachtet, greift zu kurz.
Finanzbildung findet in Lebenssituationen statt:
- erste eigene Wohnung,
- erstes Gehalt,
- Studienbeginn,
- Berufseinstieg,
- Familiengründung,
- Vermögensaufbau,
- Immobilienerwerb,
- Altersvorsorge.
Genau in diesen Momenten entstehen Fragen und Informationsbedarfe. Die besten Banken werden künftig diejenigen sein, die diese Lebenssituationen erkennen und ihren Kunden rechtzeitig die passenden Informationen, Werkzeuge und Ansprechpartner anbieten.
RD: Kritiker könnten sagen: Finanzbildung gehört in die Schule und nicht zur Aufgabe von Banken.
KF: Natürlich brauchen wir mehr Finanzbildung in Schulen. Aber die Realität sieht anders aus. Viele finanzielle Entscheidungen treffen Menschen erst Jahre nach ihrer Schulzeit. Zudem entwickeln sich Produkte, Märkte und Rahmenbedingungen permanent weiter.
Deshalb braucht Finanzbildung mehrere Akteure. Schulen schaffen Grundlagen. Eltern vermitteln Erfahrungen. Medien sorgen für Aufmerksamkeit. Und Banken können dort unterstützen, wo konkrete finanzielle Entscheidungen anstehen. Aus unserer Sicht ist das keine Vertriebsaufgabe, sondern ein Beitrag zu mehr Verbraucherorientierung.
RD: Welche Banken werden im Test besonders erfolgreich sein?
KF: Nicht zwangsläufig die größten. Unsere Erfahrung aus allen Testformaten zeigt: Exzellenz entsteht selten durch Größe, sondern durch Konsequenz.
Erfolgreich werden Institute sein, die:
- junge Menschen wirklich verstehen,
- Lebenssituationen konsequent in den Mittelpunkt stellen,
- verständlich kommunizieren,
- digitale und persönliche Angebote intelligent kombinieren,
- Finanzbildung als strategische Aufgabe begreifen.
Viele Regionalbanken bringen dafür hervorragende Voraussetzungen mit.
RD: Die Gesellschaft für Qualitätsprüfung versteht sich seit Jahren als kritischer Marktbeobachter. Welche Rolle spielt dieser Anspruch beim neuen Test?
KF: Eine sehr große. Unsere Aufgabe ist nicht, Entwicklungen zu feiern oder schlechtzureden. Wir wollen Orientierung geben. Für Verbraucher bedeutet das Transparenz. Für Banken bedeutet das Inspiration. Wir beobachten den Markt unabhängig und formulieren bewusst eine klare Meinung zu der Frage, was aus Kundensicht eine gute Lösung ist.
Dabei sind wir konstruktiv kritisch. Wir zeigen Stärken auf, benennen aber auch Defizite und Verbesserungspotenziale. Genau darin liegt aus unserer Sicht der Mehrwert eines guten Testinstituts.
RD: Was möchten Sie mit dem Young Finance Award insgesamt erreichen?
KF: Der Young Finance Award soll sichtbar machen, welche Institute die Zukunft bereits heute gestalten. Mit Formaten wie „NextGen Bank“, „NextGen Privatbank“, „NextGen Vermögensverwalter“ und nun „NextGen Finanzbildung“ möchten wir nicht nur Rankings veröffentlichen.
Wir wollen Impulse setzen. Die Zukunft erfolgreicher Banken wird nicht allein durch Produkte entschieden. Sie wird durch Vertrauen, Orientierung, Finanzkompetenz und exzellente Beratung geprägt. Finanzbildung ist dabei kein Nebenschauplatz. Sie könnte zu einem der wichtigsten Differenzierungsmerkmale im Wettbewerb um die nächste Kundengeneration werden.
Weitere Details und die Ergebnisse veröffentlichen wir im August 2026 auf unserer Homepage.
Quelle ist der Fachbeitrag zu dem neuen Testformat: https://gesellschaft-fuer-qualitaetspruefung.de/nextgen-finanzbildung-2026-warum-banken-finanzbildung-neu-denken-muessen/
Zur „NextGen Studie 2026“: https://gesellschaft-fuer-qualitaetspruefung.de/ergebnispraesentation-und-zusammenfassung-der-nextgen-studie-2026/
