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Welche Fußball-Vereine kommen für Anleihen in Frage?

Welche Fußball-Vereine kommen für Anleihen in Frage?

Source: Deutsche Nachrichten
Die Fußballsaison 2025/26 ist gerade beendet, aber bei den meisten Vereinen laufen im Hintergrund schon mit Hochdruck die Vorbereitungen auf die neue Spielzeit. Neben der sportlichen Ausrichtung und Kaderplanung spielt dabei natürlich auch die finanzielle Aufstellung der Clubs eine zentrale Rolle. Immer mehr Vereine entdecken dabei den Kapitalmarkt als alternative und bankenunabhängige Finanzierungsquelle – nicht nur große Traditionsclubs wie der FC Schalke 04 oder Werder Bremen, sondern auch kleinere Vereine aus den unteren Ligen. Insbesondere mithilfe eines Wertpapierinformationsblatts (WIB) sind Anleihe-Emissionen für Clubs einfach, schnell und kostengünstig umsetzbar. Rechtsanwalt Ingo Wegerich beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Thema bankunabhängige Finanzierung von Fußballclubs und hat hierzu auch schon bei DFL und Profivereinen referiert. In den vergangenen Monaten hat der Kapitalmarktrechtler erneut mit zahlreichen Clubs Gespräche geführt und Workshops angeboten, um insbesondere die neuen rechtlichen Möglichkeiten rund um WIB-basierte Anleihe-Emissionen vorzustellen.

Anleihen Finder: Herr Wegerich, Fußballvereine suchen immer häufiger den Weg zum Kapitalmarkt, um diesen als zusätzliche Finanzierungsquelle zu nutzen. Wie ist derzeit die Entwicklung bei Fußball-Anleihen in Deutschland?

Ingo Wegerich: Im vergangenen Jahr haben sich der SV Werder Bremen und der FC Schalke 04 erneut über Anleihen (re)finanziert. Beide Emissionen waren große Erfolge. Beide Anleihen waren sehr deutlich überzeichnet. Schalke 04 hatte ein Zielvolumen von 50 Millionen Euro, hat dann aber tatsächlich insgesamt 90 Millionen Euro eingesammelt, davon 15 Millionen über institutionelle Investoren. Schalke hätte noch weit mehr platzieren können. So wurden bei Zeichnungen über 10.000 Euro anteilig nur 56% berücksichtigt. Bremen hatte ein Zielvolumen von 20 Millionen Euro, hat dann aber das Platzierungsvolumen auf 25 Millionen Euro aufgestockt. Aber auch darüber hinaus war die Anleihe von Bremen deutlich überzeichnet. So wurden bei einem gezeichneten Betrag von 10.000 Euro nur 3.000 Euro zugeteilt.

Anleihen Finder: Sie sprechen jetzt die bekannten großen börsennotierten Emissionen an. Aber wie sieht es mit Anleihen bei kleineren Clubs aus?

Ingo Wegerich: Ja, die gibt es in der Tat auch. In 2024 und 2025 haben sich auch kleinere Clubs über Anleihen finanziert. So hat der Viertligist Rot-Weiß Oberhausen, der in der Regionalliga West spielt, 2024 über Crowdfunding eine nachrangige Anleihe in Form eines eWpG-Kryptowertpapiers emittiert. Auch der Viertligist Kickers Offenbach, der in der Regionalliga Süd-West spielt, hat 2025 ebenfalls eine Anleihe über eine Privatplatzierung begeben. 

Oberhausen platzierte insgesamt Anleihen im Volumen von nahezu 400.000 Euro und sprach von einem „sehr erfreulichen Ergebnis“ und einem „wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu einer langfristigen Finanzierung“.  Offenbach machte auf seiner Webseite publik, dass „mit den zufließenden Mitteln der laufende Spielbetrieb und die weitere Entwicklung nachhaltig gesichert werden soll – mit dem klaren Ziel, sportlich baldmöglichst den Aufstieg in die 3. Liga zu erreichen. Zudem können aber auch Infrastrukturprojekte (wie z. B. neue LED-Banden) oder personelle Ressourcen (Scoutingabteilung für Profis und Nachwuchs) aufgebaut werden.“

Anleihen Finder: Mit dem Wertpapierinformationsblatt (WIB) wurde die Emission kleinerer Anleihevolumina deutlich vereinfacht. Welche Vorteile bietet das WIB?

„Der Club spart großen Verwaltungs-, Kosten- und Zeitaufwand. Statt einem hundertseitigen Wertpapierprospekt wird ein dreiseitiges Wertpapierinformationsblatt erstellt“

Ingo Wegerich: Die Vorteile für ein öffentliches Angebot mittels WIB gegenüber einem Wertpapierprospekt liegen für den Emittenten bzw. hier den Fußballclub auf der Hand: Der Club spart großen Verwaltungs-, Kosten- und Zeitaufwand. Statt einem hundertseitigen Wertpapierprospekt wird ein dreiseitiges Wertpapierinformationsblatt erstellt. Das kostet den Emittenten, hier den Fußballclub, deutlich weniger Rechtsanwaltskosten und geht zeitlich viel schneller und der Fußballclub ist auch nicht monatelang in die Prospekterstellung mit eingebunden. Gerade die kleineren Clubs sind in der Verwaltung sehr schlank aufgestellt, viele kleinere Clubs haben nur den hauptamtlichen Geschäftsführer. Dieser müsste bei einer Emission mit Wertpapierprospekt dann monatelang der Rechtsanwaltskanzlei, die den Prospekt erstellt, mit Informationen zum Club zuarbeiten. Das ist neben dem Tagesgeschäft praktisch unmöglich. Demgegenüber lässt sich ein dreiseitiges WIB schnell erstellen. Darüber hinaus ist bei einem WIB – anders als bei einem Wertpapierprospekt – auch kein geprüfter Jahresabschluss erforderlich, es reicht ein ungeprüfter. Zudem haben wir bei einem WIB auch keinen Gültigkeitszeitraum von einem Jahr wie bei einem Wertpapierprospekt. Die Anleihe kann unter dem WIB über die gesamte Laufzeit der Anleihe öffentlich angeboten werden – die Anleihe kann also auch noch in den Folgejahren der Emission beworben und verkauft werden.

Anleihen Finder: Sie waren jetzt mit vielen Fußballclubs im Gespräch, um diese Erleichterung vorzustellen. Wie groß war das Interesse?

Ingo Wegerich: Das Thema Finanzierung ist für alle Clubs sehr relevant. Das Interesse war sehr groß. Ich habe den Clubs einen Workshop angeboten, der diese rechtliche Erleichterung vorstellt, aber auch einen Gesamtüberblick über das Thema Anleihe gibt, Vor- und Nachteile vorstellt und auch über die Kosten informiert.

Ich war selbst überrascht: Mehr als zwei Hände voll Clubs – von der vierten Liga bis zur Bundesliga hatten Interesse an einem derartigen Workshoptermin. Hier erwarte ich zukünftig einige Anleihen von Fußballclubs.

Anleihen Finder: Für welche Vereine eignet sich eine Anleihe-Emission aus Ihrer Sicht grundsätzlich? Geht das nur für große Traditionsclubs oder auch für kleinere Vereine mit starker regionaler Fanbasis, insbesondere über WIB-Strukturen?

„Das WIB eignet sich für Eigenemissionen ohne begleitende Bank primär an die eigenen Fans, aber auch an Family & Friends, Businessclubs und Sponsoren im Umfeld der Clubs“

Ingo Wegerich: Hier geht es natürlich auch primär darum, wieviel Kapital der Club einsammeln möchte und wofür er das Geld braucht. Mit einer WIB-Struktur können die Clubs dann ab dem 05. Juni 2026 bis zu 12 Millionen Euro einsammeln. Bei den Clubs, mit denen ich gesprochen habe, ging es primär um Infrastrukturprojekte wie Stadionbau bzw. -umbau, Nachwuchsleistungszentrum, VIP-Bereiche, aber auch um das Thema Finanzierung eines möglichen Aufstiegs durch Kauf von Spielern oder die Ermöglichung besserer Rahmenbedingungen beim Training und damit Vorteile gegenüber der Konkurrenz in der Liga.

Durch den deutlich geringeren Aufwand und die deutlich geringeren Kosten einer Anleiheemission mittels WIB ist das Thema Anleihe nun auch interessant für kleinere Clubs in den unteren Ligen. Hier sucht man nach Wettbewerbsvorteilen gegenüber der Konkurrenz.    

Sofern der Club über 12 Millionen Euro einsammeln möchte, bleibt es bei dem Wertpapierprospekt. Institutionelle Investoren mögen bei einem Investment auch einen Wertpapierprospekt fordern. Auch die Zeichnungstools der Börsen verlangen bei einer Zeichnung einen Wertpapierprospekt. Das WIB eignet sich dagegen für Eigenemissionen der Clubs ohne begleitende Bank primär an die eigenen Fans, aber auch an Family & Friends, Businessclubs und Sponsoren im Umfeld der Clubs.

Anleihen Finder: Welche Voraussetzungen sollten Fußballclubs unbedingt erfüllen, um erfolgreich eine Fan- oder Unternehmensanleihe am Kapitalmarkt platzieren zu können?

Ingo Wegerich: Hier muss der Club auf jeden Fall seine Hausaufgaben machen. Fan-Anleihen haben in der Regel niedrige Nominalbeträge von 100 Euro aufwärts. Hier muss die Anleihe an viele Fans platziert werden, um Volumen zu generieren. Die Fans allein werden in der Regel nicht ausreichen. Hier müssen Family & Friends, Businessclubs und Sponsoren im Umfeld des Clubs mobilisiert werden. Ich empfehle den Clubs in der Regel zunächst im Vorfeld einer Emission ein Sounding bei den Businessclubs und Sponsoren, ob diese die Anleihe ebenfalls zeichnen würden. Diese erhalten bei einer Anleihe im Gegensatz zum kostenlosen Sponsoring einen Gegenwert in Form eines Zinskupons. Dies mag durchaus interessant sein und weiteres Kapital für den Club mobilisieren.

Die Clubs haben hier spannende Ideen. Beispielsweise die Anleihe in Kombination mit Dauerkarten oder Tickets anzubieten. Der Kreativität sind hier nur wenige Grenzen gesetzt. Bei einer Unternehmensanleihe sind es dann andere Themen. Dort geht es dann auch um das Thema Höhe des Zinskupons, Financial Covenants und mögliche Sicherheiten etc. 

Anleihen Finder: Warum könnten sich Fußballanleihen langfristig als fester Bestandteil der Vereinsfinanzierung etablieren?

„Fußball-Anleihen haben sich längst als fester Bestandteil der Vereinsfinanzierung etabliert. Die Finanzierung durch eine Anleihe kann einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil bieten“

Ingo Wegerich: Ich würde sagen, die Fußball-Anleihen haben sich längst als fester Bestandteil der Vereinsfinanzierung etabliert.

Seit 2005 emittieren Fußballclubs Anleihen. Allein Schalke hat zusammen mit der ersten Fan-Anleihe 2010 insgesamt sieben Anleihen emittiert. Unter den Clubs, die Anleihen emittiert haben sind Hertha BSC, 1. FC Köln, Arminia Bielefeld, Alemannia Aachen, 1. FC Nürnberg, 1860 München, Hansa Rostock, FC St. Pauli, Hamburger SV, MSV Duisburg, FC Kaiserslautern, Werder Bremen – und jetzt auch kleinere Clubs wie Rot-Weiß Oberhausen und Kickers Offenbach. Durch die ganz erheblichen gesetzlichen Erleichterungen und den Wegfall der Prospektpflicht für kleine Anleihen werden zukünftig auch viele kleinere Clubs folgen – folgen müssen, ansonsten hat die Konkurrenz mit der Finanzierung durch eine Anleihe einen Wettbewerbsvorteil. 

Anleihen Finder: Besten Dank, Herr Wegerich.

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